20.05.22 „Das Fenster für einen Technologiewechsel öffnet sich“ Interview mit Dr. Felix Christian Matthes • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Dr. Felix Christian Matthes ist Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik am Öko-Institut und Experte für Dekarbonisierungsstrategien. Neben neuen Technologien ist aus seiner Sicht auch die Infrastruktur entscheidend für die Zukunft der energieintensiven Industrien in Deutschland.

Welche Rolle spielen die energieintensiven Industrien in Deutschland? 

Hier muss man zwischen ihrer Bedeutung als CO2-Emittenten und ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung unterscheiden. Ihr Anteil an den Treibhausgas-Emissionen ist relativ hoch: Die Stahlproduktion beruht beispielsweise noch fast völlig auf Kohle, und bei der Herstellung von Zement kommt viel Braunkohle zum Einsatz. Im Gegensatz dazu spielen die energieintensiven Industrien für die Wertschöpfung in Deutschland keine so große Rolle. Allerdings muss man hier etwas differenzieren: Manche dieser Industrien – beispielsweise Chemie und Stahl – sind stark in die nachfolgenden Wertschöpfungsstufen integriert und darum wichtig. Andere – zum Beispiel die Ammoniak-Produktion für die Düngemittelherstellung – sind hingegen kaum integriert und entsprechend weniger bedeutsam. Zusammengefasst könnte man sagen: Der Anteil der energieintensiven Industrien an den CO2-Emissionen in Deutschland ist höher als ihre volkswirtschaftliche Bedeutung im engeren Sinne. Aber bei näherer Betrachtung sind auch die volkswirtschaftlichen Ausstrahlungseffekte wichtiger energieintensiver Industriezweige nicht zu unterschätzen. 

Dr. Felix Christian Matthes, Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik am Öko-Institut

In welchen Branchen ließen sich die CO2-Emissionen spürbar verringern?

Das hängt einerseits von der Technik, andererseits von den Modernisierungszyklen ab. Beispiel Stahlindustrie: Hochöfen in Stahlwerken werden durchschnittlich alle 15 bis 20 Jahre ersetzt. Allein bis 2030 wird ungefähr die Hälfte der deutschen Stahlerzeugungskapazitäten turnusgemäß erneuert, bis 2038 dürfte sogar die gesamte deutsche Hochofenflotte durchsaniert sein. Hier öffnet sich also gerade ein Fenster für einen Technologiewechsel: Die Stahlhersteller könnten die ohnehin anstehenden Investitionen dazu nutzen, auf eine Wasserstoff-/Strom-Route umzusteigen. Drei der großen deutschen Unternehmen planen das tatsächlich, müssen dazu aber bis Ende 2022 oder Anfang 2023 Investitionen in Höhe von rund sechs Milliarden Euro anstoßen. Tun sie das nicht, öffnet sich das nächste Fenster für einen Technologiewechsel erst wieder in 15 bis 20 Jahren. 

Was könnte aus Sicht der Unternehmen dagegen sprechen?

Der Einsatz von Wasserstoff statt Kohle für die Stahlproduktion kann die CO2-Emissionen schnell und massiv senken. Allerdings verteuert er auch den Stahl, weil derzeit grüner Wasserstoff nicht in ausreichendem Umfang und zu konkurrenzfähigen Preisen vorhanden ist. Darum wollte man die neuen Anlagen übergangsweise mit Erdgas betreiben, was durch den Krieg in der Ukraine nun aber deutlich schwieriger geworden ist. Trotzdem sind Investitionen in neue Produktionsprozesse in der Stahlindustrie alternativlos. Nun kommt es also darauf an, ein mehrjähriges tiefes Tal zu überbrücken, bis Stahl auf Wasserstoff-Basis wettbewerbsfähig ist. Dafür brauchen die Unternehmen ein klares Bekenntnis der Politik, die den Umstieg mit staatlichen Subventionen flankieren und auf diese Weise Unsicherheiten aus der Planung herausnehmen könnte. 

Was spielt neben neuen Technologien noch eine Rolle beim Umbau der energieintensiven Industrien?

Neben den technologischen Modernisierungszyklen gibt es ein weiteres Trägheitselement: die Infrastruktur. Wir brauchen beispielsweise neue Pipelines, die grünen Wasserstoff zu den Stahl- und Glaswerken transportieren. Auch die Zementindustrie hängt von neuer Infrastruktur ab: Sie wird ihre CO2-Emissionen nur dann senken können, wenn wir das anfallende Kohlendioxid durch Carbon Capture and Storage (CCS) abfangen und in geologischen Formationen unter der Nordsee einlagern. Aber auch dafür braucht man Pipelines – und genau zu diesem Thema führen die Ferngasnetzbetreiber derzeit eine Umfrage durch. Man will wissen, wo wie viel CO2 anfällt, um die entsprechenden Transportkapazitäten planen zu können. Zementwerke werden also nur dann eine Zukunft haben, wenn sie in der Nähe einer solchen Pipeline angesiedelt sind. Die Beispiele zeigen: Der Ausbau der Infrastruktur hat auf viele Branchen einen entscheidenden Einfluss. Da die Vorlaufzeiten für solche Investitionen zwischen fünf und zehn Jahren liegen, müssen wir die Planungsprozesse bereits heute anstoßen. 

Werden sich die regionalen wirtschaftlichen Gewichte in Deutschland durch die Energiewende verschieben?

Ja, und das ist heute bereits zu beobachten. Die Energiewende ist ein Booster für viele Regionen, denn es gibt bei neuen Investitionen eine Drift in Richtung Norden, Westen und Osten. Grüner Wasserstoff für die Stahlindustrie ist beispielsweise in Norddeutschland besonders gut verfügbar. Dadurch könnte zumindest der erste Produktionsschritt bei der Stahlherstellung – die Direktreduktion mit Wasserstoff – in Städte wie Bremen abwandern. Der nächste Produktionsschritt – das Schmelzen mit Strom – könnte dann zwar an bestehenden Standorten erfolgen, aber sicher ist das nicht. Hier zeigt sich wieder, wie wichtig der Ausbau der Infrastruktur ist: Je mehr er lahmt, desto größer wird in Zukunft die Drift in neue Regionen sein. 

Wie ließe sich der Ausbau der Infrastruktur beschleunigen?

Indem wir beispielsweise die Energiemarktregulierung verändern. Heute muss vor einer Investition nachgewiesen werden, dass sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gebraucht wird. Das ist ein hartes K.-o.-Kriterium. Stattdessen sollten wir auch eine vorsorgliche Entwicklung von Infrastrukturen ermöglichen, etwa Stromtrassen oder Pipelines für Kohlendioxid bzw. Wasserstoff. Das kann auch zu Fehlinvestitionen führen – ist aber besser, als gar nichts zu tun. 

Ihre Forderung an die Politik?

Sie sollte klare Zusagen machen und Instrumente schaffen, mit denen sich das oben erwähnte „tiefe Tal“ überbrücken lässt. Grüner Stahl wird beispielsweise erst in den 2030er-Jahren wettbewerbsfähig sein, während die Industrie die erforderlichen Investitionen jetzt tätigen muss. Darum sollte die Politik solche Investitionen fördern, zum Beispiel über Investitionszuschüsse. Und wir müssen grundsätzlich entscheiden, dass wir neben Investitionen auch die für einige Zeit höheren Betriebskosten, zum Beispiel mit Carbon Contracts for Difference (CCfDs), fördern sollten. Es gibt eben kein billiges Erdgas mehr, das wir für den Übergang zu grünem Stahl auf Wasserstoff-Basis eingeplant hatten. Darum müssen wir diesen Übergang finanziell flankieren, sonst findet der für Klimaneutralität dringend notwendige Technologiewechsel nicht statt. 

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