15.07.22 „Flugreisen sind per se nicht klimafreundlich“ Interview mit Juliette de Grandpré, Klimaexpertin des WWF • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

Fluggesellschaften bieten Reisenden mittlerweile günstige CO2-Kompensationen per zusätzlichem Mausklick beim Ticketkauf an. Was verlockend einfach und bequem klingt, sehen Expertinnen wie Juliette de Grandpré kritisch. Sie arbeitet beim WWF Deutschland als Senior Advisor im Fachbereich Klimaschutz- und Energiepolitik und sagt: Die CO2-Rechner von easyjet & Co setzen die Klimafolgen von Flügen viel zu niedrig an. 

Juliette de Grandpré, Klimaexpertin des WWF

Frau de Grandpré, inwiefern ist die Kompensation über Klimazertifikate für Menschen sinnvoll, die klimaneutral reisen wollen? 

Zunächst einmal würde ich den Begriff „klimaneutral“ hier nicht benutzen. Klimaneutralität bedeutet nach der Definition des Paris Klimaabkommens, dass weltweit alle menschengemachten Emissionen dauerhaft so weit gesenkt werden, dass ein Gleichgewicht zwischen Kohlenstoffemissionen und der Aufnahme von Kohlenstoff aus der Atmosphäre in Kohlenstoffsenken hergestellt wird. Wenn sich Unternehmen oder Privatleute klimaneutral nennen, ist das eigentlich irreführend, denn Klimaneutralität kann es erst in der Zukunft geben und nur global. Vor allem Flugreisen sind per se nicht klimafreundlich, und sie werden durch Kompensation nicht klimaneutral. Aber: Ich kann durch Kompensation immerhin einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Man muss das wirklich richtig einordnen! 

Wie also sollten Reisende gerade vorgehen, wenn es ums Fliegen geht? 

Zunächst sollten sie gut überlegen, ob der Flug wirklich notwendig ist. Von Kurzstrecken innerhalb Europas rate ich ganz klar ab. Wenn sie aber dennoch fliegen möchten oder vielleicht müssen – das kommt ja auch vor – und den Flug kompensieren möchten, sollten einige Faktoren beachtet werden. Zum einen sollte man nicht direkt über die Fluggesellschaften kompensieren, also deren ja oft angebotenen optionalen Angebote zur Kompensation nicht nutzen. 

Können Sie das näher erläutern? 

Die Fluggesellschaften berechnen ihren CO2-Ausstoß nicht wirklich seriös, weil sie die Klimaeffekte ihrer Flüge nicht ganzheitlich betrachten. Ich kann jetzt nicht in die physikalischen Details gehen, aber man geht davon aus, dass die Klimaeffekte mindestens dreimal so hoch sind wie reinen Emissionen. Diese Tatsache wird oft in den CO2-Rechnern der Fluggesellschaften nicht berücksichtigt. Deren Interesse ist, die Klimawirkung so klein wie möglich zu rechnen, um den Leuten den Eindruck zu vermitteln, es sei ja gar nicht so schlimm zu fliegen. 

Zum anderen haben Sie eine Preisproblematik. Die niedrig angesetzten Klimaeffekte führen dazu, dass die Fluggesellschaften sehr günstige Kompensationen einpreisen – denn es ist natürlich im Interesse der Fluggesellschaften, billige Tickets anzubieten. Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass eine Tonne ausgestoßenes CO2 Schäden an Umwelt und Gesellschaft in Höhe von 185 Euro verursacht. Billigflieger investieren aber oft in Kompensationszertifikate, die wenig mehr als ein Hundertstel dieser Kosten ausmachen. Da kann doch etwas nicht stimmen. Und ganz unseriös wird es aus meiner Sicht, wenn Fluggesellschaften beim Kauf eines Tickets von vorneherein erklären, der Flug sei schon kompensiert. Zu einen beruht ja auch das auf den nicht ausreichenden CO2-Berechnungen, zum anderen gaukelt man auch hier den Reisenden vor, Fliegen sei gar nicht so klimaschädlich. 

Wie also richtig einen Flug kompensieren? 

Ich rate ganz klar dazu, über einen seriösen Anbieter zu kompensieren. Dieser berechnet die Emissionen zum Beispiel eines Fluges realistisch – dann fließen auch Dinge wie die gewählte Klasse oder der Flugzeugtyp ein. So kommt es zu realistischen Emissionsberechnungen. Über die Anbieter kann dann über Investitionen in Klimaschutzprojekte kompensiert werden. Dabei rate ich dazu, darauf zu achten, dass diese Projekte dem sogenannten Goldstandard folgen, da er neben Klimaschutzzielen auch andere Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigt. 

Nicht alle Menschen verreisen mit dem Flugzeug. Auch wenn man mit der Bahn verreist, wird ja Strom verbraucht – und der kommt ja auch nicht immer aus erneuerbaren Quellen. 

Ich weiß nicht, ob ich Bahnreisenden raten würde, zu kompensieren. Der Bahnstrom ist entweder erneuerbar oder Teil des Emissionshandels, und die CO2-Zertifikate im europäischen Emissionshandel weisen schon einen hohen CO2-Preis auf. Bahnfahren ist klimafreundlich! Was andere Emissionsquellen angeht: Benzin ist nicht kompensierbar. Ein hoher Fleischverzehr ist auch im Urlaub nicht kompensierbar. Weil es da Alternativen gibt. Wenn man nicht fliegt und auf sein Auto verzichtet – dann hat man doch schon einiges richtig gemacht. 

Letzte Frage: Es gibt ja Leute die sagen: Am besten bleiben wir alle zuhause und verreisen gar nicht mehr. Was sagen Sie dazu? 

Schwierige Frage! Ich kann und möchte das nicht für die Menschen entscheiden. Ja, der Fußabdruck ist niedriger, wenn man zuhause bleibt – aber ich weiß nicht, ob das auf die Dauer so viel Spaß macht. Aber man muss ja nicht jedes Wochenende nach Barcelona fliegen, man kann ja auch in der Region schön Urlaub machen. Und mit dem Zug kommt man in Europa sehr weit. Nein, ich möchte den Leuten keine Vorschriften machen, was sie im Urlaub tun sollen! 

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