25.04.22 „Geothermie gewinnt gerade massiv an Bedeutung“ Interview mit Helge-Uve Braun und Dr. Christian Pletl • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Die Stadtwerke München (SWM) gehören zu den Pionieren der Geothermie-Nutzung in Deutschland. Im Interview sprechen Helge-Uve Braun (Geschäftsführer Technik der SWM und Präsident des Bundesverbandes Geothermie) und Dr. Christian Pletl (Leiter dezentrale Erzeugung und erneuerbare Energien regional bei den SWM) über den aktuellen Stand und die Zukunft der Geothermie. 

In der öffentlichen Diskussion kommt Geothermie neben Solarstrom und Windkraft kaum vor. Woran liegt das?

Braun: Im Rahmen der fortschreitenden Energiewende verschiebt sich der Schwerpunkt der öffentlichen Wahrnehmung gerade vom Strom- hin zum Wärmemarkt, also von Sonne und Wind zur Geothermie. Hier gibt es noch viel Potenzial – immerhin werden in Deutschland für die Wärmeproduktion mehr als 50 Prozent der Energie eingesetzt. Der Transformationsprozess in diesem Bereich wird nur erfolgreich sein, wenn man die geothermischen Ressourcen nutzt. Sie könnten circa 25 Prozent des einheimischen Wärmebedarfes decken. Deshalb erleben wir gerade jetzt – während der Gas-Krise aufgrund des Ukrainekrieges und der aktuellen Ausrichtung auf eine Wärmewende – ein neues Interesse an der Nutzung der Geothermie. Sie gewinnt gerade massiv an Bedeutung für eine klimafreundliche, heimische und zuverlässige Energieversorgung.  

Welche Rahmenbedingungen müsste man verbessern, um den Ausbau der Geothermie bei uns voranzutreiben? 

Braun: Zunächst sollte der politische Wille für einen Ausbau der Geothermie-Nutzung klar und deutlich formuliert werden. Auf dieser Basis könnte eine Geothermie-Ausbaustrategie aufbauen, welche folgende Eckpunkte beinhaltet: Beschleunigung von Genehmigungsverfahren (Wärme, Strom und stoffliche Nutzung), Verstärkung von Aus- und Weiterbildung von Fachkräften (Ausbildungsprämie), Gewinnung und Bereitstellung von Geodaten durch Exploration (Neudaten) und KI (Altdaten) sowie die Bereitstellung von Sicherheiten, sollte ein Projekt doch einmal nicht auf heißes Wasser stoßen. Darüber hinaus müssen wir Anreize für Investitionen schaffen – etwa durch die Förderung von Investitions- und Betriebskosten mit dem Schwerpunkt Umbau und Neubau der Fernwärmenetze. Und schließlich brauchen wir eine Intensivierung von Forschung und Entwicklung sowie die Anpassung des Ordnungsrechts im Sinne der Wärmewende. So sollte der Anschluss an ein mit Geothermie betriebenes Fernwärmenetz für Anlieger verpflichtend sein. 

Welches Potenzial hat die Geothermie in Deutschland? Wie viel ist davon schon erschlossen?

Braun: Zum Potenzial der Geothermie in Deutschland gibt es eine Reihe von Studien namhafter Forschungsinstitute und öffentlicher Einrichtungen. Es beträgt für die Tiefe und Mitteltiefe Geothermie zwischen 118 und 300 Terawattstunden pro Jahr. Das Potenzial der oberflächennahen Geothermie in Verbindung mit Wärmepumpen liegt zusätzlich bei circa 68 Terawattstunden pro Jahr. Derzeit erzeugen Anlagen der Tiefen Geothermie etwa 1,4 Terawattstunden pro Jahr und Anlagen der Oberflächennahen Geothermie circa 8 Terawattstunden pro Jahr. 

Welche Rolle könnte Geothermie im Jahr 2030 spielen?

Braun: Wir erwarten bis 2030 einen dynamischen Ausbau der Erdwärme-Nutzung – wenn die Rahmenbedingungen durch die politisch Verantwortlichen zügig verbessert werden. Dann könnte Geothermie einen relevanten Anteil der Wärmeversorgung von Wohngebäuden, Nichtwohngebäuden und Niedertemperatur-Prozesswärme abdecken. Die oberflächennahen und tiefen Geothermie-Anlagen liefern zu jeder Tages- und Jahreszeit grundlastfähige Wärme. In einigen Regionen können zusätzlich Kälte- und Stromproduktion sowie Lithium-Extraktion aus dem Thermalwasser zur Energiewende beitragen. 

Sie sind selbst in diesem Bereich aktiv. Seit wann nutzen die Stadtwerke München Geothermie?

Pletl: Seit fast 18 Jahren, unsere erste Anlage ist also bald „volljährig“. Sie steht in München-Riem, wo Anfang der 1990er-Jahre nach der Schließung des alten Flughafens ein völlig neuer Stadtteil entstanden ist. Dort wollten wir Wärme auf möglichst ökologische Weise erzeugen. Mittlerweile betreiben wir insgesamt sechs Geothermie-Anlagen, die circa 16 Megawatt elektrische und etwa 86 Megawatt Wärmeenergie erzeugen. Damit produzieren sie circa zehn Prozent der Münchner Fernwärme. 

Welche Pläne gibt es für den weiteren Ausbau der Geothermie in München?

Pletl: Einerseits wollen wir bestehende Anlagen von Strom- auf Wärmeerzeugung umstellen, andererseits planen wir den Bau von neuen Anlagen. Insgesamt sollen auf diese Weise circa 300 Megawatt Wärme hinzu kommen. Anfang der 2030er-Jahre wollen wir mithilfe der CO2-neutralen Quellen Geothermie und thermische Reststoffverwertung bis zu 70 Prozent der gesamten Fernwärme für die Stadt München bereitstellen. 

Wie lange kann Geothermie in München Wärme liefern?

Pletl: Nach menschlichen Maßstäben ist sie unerschöpflich. Für den Standort Riem haben wir eine Simulation durchgeführt. Sie besagt, dass die Temperatur des geförderten Thermalwassers in den nächsten mehr als 300 Jahren sogar noch ansteigen dürfte, weil wir Wasser aus immer tieferen Bereichen des Aquifers ansaugen werden. In den darauf folgenden rund 300 Jahren wird die Temperatur langsam abnehmen, sodass wir nach ungefähr 700 Jahren wieder das Ausgangsniveau erreicht haben werden. Mit anderen Worten: Allein von dieser Bohrung werden viele Generationen profitieren. Geothermie ist definitiv mehr als eine Brückentechnologie. 

Lässt sich das Münchner Modell auf ganz Deutschland übertragen?

Pletl: Geothermie lässt sich nicht überall nutzen, weil man dafür ein unterirdisches Aquifer benötigt. Allerdings sind die Voraussetzungen überall in der Nähe der großen Metropolen in Deutschland gegeben. Hier in München schätzte man sie vor 18 Jahren gar nicht so außergewöhnlich gut ein – das Norddeutsche Becken oder der Oberrheingraben schienen für die Nutzung der Geothermie noch attraktiver. 

Gibt es überhaupt genügend Expertise und Unternehmen, um die Geothermie in Deutschland in großem Stil auszubauen?

Pletl: Hier hat sich in der Vergangenheit einiges getan, weil viele Unternehmen aus der Öl- und Gasförderung in diesen Bereich gegangen sind. Bei einem großflächigen Ausbau der Geothermie könnte es allerdings eng werden, weil Kapazitäten in den Bereichen Bohrung und Planung knapp sind. Das dürfte in Zukunft eine der größten Herausforderungen werden. 

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