19.03.20 Die Energiewende dauert zu lange” Interview mit Prof. Claudia Kemfert, Energieökonomin • 5 min.

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Prof. Claudia Kemfert

Es gibt ein Recht auf den Zugang zu sauberer und verlässlicher Energie für alle Menschen dieser Erde, sagt Claudia Kemfert vom DIW - doch der Weg dorthin muss sich ändern. Atomstrom sei zu teuer, die Kohle überholt. Aber wie kann die Energieversorgung gelingen? 

Frau Professor Kemfert, wie sieht die Energieversorgung der Zukunft aus?

Erneuerbarer, dezentral, flexibel, intelligent, bürgernah. Erneuerbare Energien werden in der Zukunft die tragende Rolle spielen. Intelligente Netze, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden für eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien sorgen. Die „3 Ds“ werden entscheidend sein: dezentral, digital und dynamisch.

Wird der Energiebedarf der Zukunft steigen oder sinken?

Der Energiebedarf kann sinken, wenn wir konsequent auf Energiesparen und „efficiency first“ setzen. Energie-Plus-Häuser der Zukunft produzieren mehr Energie als sie verbrauchen. Sie sind optimal gedämmt, produzieren Strom und Wärme mit Solarenergie und speichern sie mittels dezentraler Speicher wie beispielsweise Batterien. Derartige „Prosumer“ werden optimal miteinander verzahnt. Wenn die Mobilität auf „electricity first“ samt Verkehrsvermeidung, Verkehrsoptimierung und Verkehrsverzahnung setzt, wird weniger Energie als heute verbraucht werden. Dies bedeutet, dass nicht 42 Millionen Diesel- und Benzinfahrzeuge, die heute in Deutschland im Durchschnitt 23 Stunden am Tag nur herumstehen, einfach durch Elektroautos ersetzt werden. Individuelle Mobilität bedeutet nicht individuelles Fahrzeug. Und wenn gleichzeitig die energiefressende Herstellung von klimaschonenden Treibstoffen wie Wasserstoff und Power to Gas aus Ökostrom auf solche Bereiche beschränkt wird, wo keine direkte elektrische Nutzung möglich ist – wie beispielsweise im Schiffs- oder Flugverkehr – dann kann insgesamt der Energiebedarf sinken.

Die Politik im Blick: Claudia Kemfert in Berlin

Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf unsere Energieerzeugung?

Der Klimawandel führt dazu, dass extreme Klimaereignisse häufiger und intensiver auftreten. Extreme Klimaereignisse sind grundsätzlich eine Herausforderung für jegliches Energiesystem, egal, ob konventionell oder regenerativ. Auch konventionelle Kraftwerke sind von extremen Klimaereignissen stark betroffen, da beispielsweise Atom- oder Kohlekraftwerke bei extremer Hitze und Wasserknappheit aufgrund unzureichender Kühlung vom Netz genommen werden müssen. Auch die Infrastruktur kann durch Extremereignisse in Mitleidenschaft gezogen werden, wie beispielsweise bei Stürmen oder Überflutungen. Energieunternehmen müssen in der Tat derartige Risiken in ihre Planungen mit einbeziehen und sich auf Extremereignisse vorbereiten. Erneuerbare Energien sind aufgrund ihrer Dezentralität grundsätzlich nicht anfälliger für Extremereignisse als konventionelle. Erneuerbare Energien sind dezentral, flexibel und eng miteinander verzahnt und bieten deshalb mehr Chancen der Anpassung, Resilienz und Vorbeugung. Die bei extremer Hitze steigende Energienachfrage für Kühlung kann insbesondere durch dezentrale Solaranlagen passgenau gedeckt werden. Mögliche Abschaltungen von Windanlagen bei extremen Stürmen müssen durch Biomasse, Wasserkraft, Geothermie, Solaranlagen und Speicher aufgefangen werden. Eine intelligente Steuerung schützt vor solchen Extremereignissen. Daher ist es wichtig, dass ein System, welches eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien anstrebt, auf jegliche Formen der erneuerbaren Energien setzt, auf eine kluge Verzahnung und intelligente Netze samt Speicher.

Wird die Energiewende im gebotenen Tempo vollzogen?

Eindeutig nein! Die Energiewende geht zu langsam. Zum einen muss das Ausbautempo erneuerbarer Energien mindestens verdoppelt werden, wenn wir nicht in eine Ökostrom- und Versorgungslücke laufen wollen. Zudem muss der Kohleausstieg schneller gehen. Zum anderen muss die Verkehrswende endlich mal angegangen werden, da ist bisher zu gut wie gar nichts passiert.

Steht die Atomkraft vor einem Comeback? Muss es einen Ausstieg aus dem Ausstieg geben?

Die Renaissance der Atomkraft ist ein Mythos. Weltweit sehen wir so gut wie keine Neubauten in Ländern mit rein marktgetriebenen Energiesystemen. Nur in Ländern, wo der Staat die Energieversorgung kontrolliert, Atomenergie als geopolitische Machtoption genutzt wird und die Zivilgesellschaft eine geringe Rolle spielt, sieht man einen hoch subventionierten Neubau von Atomkraftwerken. In allen anderen Ländern sinkt der Anteil kontinuierlich. Atomenergie ist aufgrund der hohen Kosten nicht wettbewerbsfähig, da der Bau der Kraftwerke enorm teuer ist. Wenn man die Kosten des Rückbaus der Atomkraftwerke und der Endlagerung hinzurechnet, ist Atomenergie um ein Vielfaches teurer als jegliche andere Energieformen. Erneuerbare Energien werden immer billiger und somit deutlich wettbewerbsfähiger als Atomkraft.

Ist es zeitgemäß, (in Deutschland) noch Kohle zu verfeuern?

Nein, absolut nicht! Nicht nur, weil der Abbau von Braunkohle enorme Umweltschäden und die Verbrennung enorme Klimaschäden verursacht, sondern auch, weil inflexible Kraftwerke kaum in ein modernes auf erneuerbare Energien basierendes System passen.

Bremst der späte Kohleausstieg Innovationen (im Bereich der erneuerbaren Energien) aus?

Ja, da Investitionen in Zukunftstechnologien so immer weiter nach hinten verschoben werden.

Aber Menschen und Regionen, die lange vom Kohleabbau lebten, stellt der Kohleausstieg vor große Herausfoderungen...

Den Menschen in den betroffenen Regionen wird man durch Strukturhilfen Möglichkeiten für zukunftsweise Jobs geben können. Wichtig ist, dass man derartige Strukturhilfen nicht mit der Gießkanne verteilt, sondern an innovative Projekte und die Förderung von Forschung und Entwicklung koppelt. Zudem sollten attraktive Rahmenbedingungen für zukunftsweisende Unternehmen geschaffen werden.

Gibt es ein (Menschen-)recht auf billige Energie?

Es gibt ein Recht auf den Zugang zu sauberer und verlässlicher Energie für alle Menschen dieser Erde, für heutige und zukünftige Generationen. Erneuerbare Energien werden immer billiger und ermöglichen so, dass alle Menschen der Welt sie nutzen können, wenn der Zugang nicht künstlich erschwert wird.

Wie kann der Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt werden?

Indem die Rahmenbedingungen so angepasst werden, dass existierende Barrieren abgebaut und Marktzugangsbehinderungen abgeschafft werden. In Deutschland müssen die Abstandsregeln für Windenergie abgeschafft werden, stattdessen bessere finanzielle Beteiligungsmodelle für Kommunen und Regionen ermöglicht werden. Zudem muss der Solardeckel sofort abgeschafft werden. Der Kohleausstieg muss schneller als geplant umgesetzt werden und erneuerbare Energien als Teamplayer ausgebaut werden. Dazu sollen die Ausschreibungen angepasst werden, sodass mehr Mengen zugebaut werden können, und die dezentralen Energiesystemlösungen samt Speicher belohnt werden.

Wie kann angstfrei aber realistisch über das Thema Klimawandel gesprochen werden?

Indem man ausschließlich über Lösungen spricht! Jeder kann sich einbringen, egal wo! Ob als Unternehmer, Kollege, Nachbar oder Vereinsmitglied: jeder sollte Lösungen für gemeinschaftlichen Klimaschutz erarbeiten und umsetzen!

Was kann jeder Einzelne tun, um Energie zu sparen?

Jede Menge! Den eigenen Energiebedarf überprüfen, energiesparende Geräte einsetzen, sich für Gebäudedämmung einsetzen, mit dem Fahrrad oder der Bahn unterwegs sein, Ökostrom oder regionale Produkte kaufen. Unternehmen können ihre Produktionsabläufe energiesparend ausrichten und Fahrzeugflotten auf Elektromobilität umstellen. In jedem Büro kann enorm viel Energie eingespart werden, wenn man auf Energieeffizienz achtet, angefangen vom Papiersparen bis hin zur energieeffizienten Lampe.

Was tun Sie selbst für den Klimaschutz?

Ich selbst achte seit über zwei Jahrzehnten auf meine Klimabilanz: ich esse vegetarisch, wohne in einem energiegedämmten Gebäude, kaufe Ökostrom und nur regionale Produkte und bin ausschließlich mit dem Fahrrad oder der Bahn unterwegs. Ich versuche möglichst oft auf Dienstreisen zu verzichten und stattdessen Videokonferenzen zu nutzen. Flugemissionen aufgrund von nicht vermeidbaren Dienstreisen kompensiere ich durch Spenden in internationale Klimaschutzprojekte.


Zur Person: 

Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist seit 2009 Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance (HSoG). 2016 wurde sie in den Sachverständigenrat für Umweltfragen beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit berufen.  

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