13.09.21 Grundsätzlich auf dem richtigen Weg“ Interview mit Dr. Malte Jansen, Imperial College London • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Der Energieexperte Malte Jansen vom Imperial College London bescheinigt Deutschland, bei der Energiewende international eine Vorreiterrolle zu spielen. Er sieht allerdings auch deutliche Unterschiede zu seiner Wahlheimat Großbritannien – etwa bei der Technologieoffenheit und der grundsätzlichen Haltung zur Atomenergie.

Herr Dr. Jansen, wie beurteilen Sie den deutschen Weg beim Umbau des Energiesystems?

Dr. Malte Jansen

Deutschland ist in vielerlei Hinsicht ein Vorreiter bei erneuerbaren Energien und wird auf dem internationalen Parkett so wahrgenommen – auch in Großbritannien. Die frühe Förderung der Wind- und Solarenergie beispielsweise schuf viele Potenziale wie den Aufbau von Arbeitsplätzen, industrielle Kapazitäten im Bereich der erneuerbaren Energien oder Exporte ins Ausland, wovon Deutschland heute noch profitiert. Der Umbau des deutschen Energiesystems fokussiert sich allerdings immer noch sehr auf den Stromsektor. Ich glaube, dass das auch gut läuft – schließlich handelt es sich um ein Drittel der Emissionen, die man reduzieren möchte. Es gibt aber auch Anzeichen dafür, dass Probleme beim Netzausbau bestehen. Die Netzengpässe konnten bislang über das europäische Ausland abgefedert werden.

Was finden Sie besonders gut?

Dass Deutschland sich grundsätzlich auf dem richtigen Weg befindet und bei den erneuerbaren Energien international auf einem Spitzenplatz rangiert.

Was könnte aus Ihrer Sicht besser gemacht werden?

Dr. Malte Jansen

Beim Ausstieg aus der Kohle hat Deutschland weniger gut abgeschnitten. Das hat lange gedauert, und die Konsenspolitik hat den Strukturwandel verzögert. Hier hat man viel Geld verschenkt, etwa bei den Entschädigungszahlungen für die Stilllegung der Kraftwerke. In Großbritannien hat man dagegen den Kohleausstieg in nur fünf Jahren durchgezogen und muss jetzt nicht bis zum Jahr 2038 herumlavieren. Denn Fakt ist: Es handelt sich bei der Kohle um die umweltschädlichste Energiequelle, die es aktuell gibt, insbesondere in Bezug auf die Braunkohle. In Zeiten des Klimawandels mit brennenden Wäldern in Griechenland kann ich diese langsame Politik nicht nachvollziehen. Das Klimaproblem ist größer als der Strukturwandel.

Auf welchem Weg möchte Großbritannien klimaneutral werden?

Die Briten waren im Vergleich zu den Deutschen weniger dogmatisch und haben nicht nur auf regenerative Energien gesetzt. Großbritannien hat einen anderen Ansatz gewählt und sich vor allem eines gefragt: Was ist die kostengünstigste Vorgehensweise, um die Dekarbonisierung voranzutreiben? Dass die Antwort zugunsten der regenerativen Energien ausfiel, war ein reiner Zufall! Das hätte in Großbritannien vor 10 bis 15 Jahren auch definitiv anders laufen können. Zudem bewerten die Briten die Atomenergie als emissionsfreien Strom, und die britische Regierung fördert innovative Nukleartechnologien. Man möchte hierzulande neue Druckwasserreaktoren der dritten Generation bauen. Außerdem sieht man im Bereich der nuklearen Fähigkeiten auch Synergien mit dem militärischen Bereich. Die Realität sieht aber anders aus: Es findet sich kein Anbieter, der aktuell neue Reaktoren bauen möchte. Ein Grund hierfür ist auch, dass die Energiegewinnung aus Offshore-Windparks für fast ein Drittel des Preises realisiert werden kann.

Dr. Malte Jansen

Welche Chancen und Risiken sollte Großbritannien bei dieser Transformation berücksichtigen?

Großbritannien ist bei Offshore-Windenergie führend, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Ich habe auch keinen Zweifel daran, dass man damit den richtigen Pfad eingeschlagen hat. 40 Gigawatt aus Windkraft in 2030 sind dennoch ein ambitioniertes Ziel, weil das eine Vervierfachung der Offshore-Kapazitäten bedeutet. Der Aufbau industrieller Kapazitäten in diesem Bereich ist eine Chance, da Großbritannien in der Vergangenheit im großen Stil deindustrialisiert wurde. Das ganz große Risiko ist der Brexit. Er schafft Unsicherheit durch Kursschwankungen und Lieferengpässe. Das ist sehr hinderlich beim Bau moderner Windparks. Das andere Risiko ist bei uns die Gebäudesubstanz viktorianischer Häuser. Sie lassen sich einfach nicht so gut isolieren. Das wäre aber wichtig, um die Dekarbonisierung im Wärmebereich umzusetzen. In Deutschland ist die Wärmepumpentechnologie auf dem Vormarsch. Darüber muss in Großbritannien noch nachgedacht werden, wo man im Gegensatz zu Deutschland auch über den Einsatz von Wasserstofftechnologie im Gebäudebereich nachdenkt.

Wie können europäische Länder ihre spezifischen Stärken bündeln, um den Klimaschutz möglichst effizient umzusetzen?

Der Aufbau internationaler Lieferketten macht für mich absolut Sinn. Denn: Wir sind im Wettlauf mit der Zeit, um Schlüsseltechnologien wie Batterien oder Wind- und Solartechnik so schnell und so günstig wie möglich voranzubringen. Ich glaube nicht, das jedes Land beispielsweise eine eigene Offshore-Industrie mit allen Komponenten aufbauen sollte. Wir sollten eher europäisch und vernetzt denken sowie auf Kooperation und einvernehmliche Großprojekte setzen.


Dr. Malte Jansen, Imperial College London

Vita
Dr. Malte Jansen forscht seit 2018 am Centre for Environmental Policy des Imperial College London über erneuerbare Energien. Er ist einer der Gründer von Power Swarm, einem Netzwerk für Wissenschaftler, Industrie- und Regierungsexperten, die an der Transformation des Stromsystems arbeiten, und Experte für erneuerbare und konventionelle Kraftwerkstechnik, Energiemarktdesign, ökonometrische Modellierung sowie nachhaltige Energietechnik und Windkraftprognosen. Zuvor war Jansen Berater bei E4tech und arbeitete fünf Jahre im Forschungsteam des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES, inzwischen: IEE)in Deutschland mit den Schwerpunkten Energiemarktdesign und Märkte für Systemdienstleistungen. Jansen ist promovierter Energieökonom und verfasste seine Dissertation über die Ökonomie von Wind- und Solarenergie in Märkten für Stromnetzreserven. Er hat Abschlüsse in Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften.

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