28.06.21 Ein durchschnittlicher Haushalt wird kaum etwas von der Energiewende spüren“ Interview mit Hauke Engel und Stefan Helmcke • Lesedauer: 3 min.

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Zusammenfassung

Neue Energienetze, der Umstieg auf eine Wasserstoffwirtschaft und der Strukturwandel in der Industrie: Die Energiewende verändert unser Leben massiv. Was die Transformation EU-weit kostet und wer die Gewinner und Verlierer sein werden, hat McKinsey in seiner Studie „Net-Zero Europe“ untersucht. Co-Autor Hauke Engel und sein Kollege Stefan Helmcke stellen im Interview die wichtigsten Ergebnisse vor.

Hauke Engel und Stefan Helmcke

Die Energiewende ist ein Mammutprojekt. Was macht sie so komplex?

Helmcke: Sie ist tatsächlich ohne Vorbild und die komplexeste Transformation, die wir in Europa jemals in Angriff genommen haben. Um unsere Klimaschutzziele zu erreichen, gibt es vor allem zwei Wege: die umfassende Elektrifizierung aller Bereiche und die Speicherung von CO2, auch als Carbon Capture and Storage (CCS) bekannt. Wenn wir Europa umfassend elektrifizieren wollen, brauchen wir zwei- bis dreimal so viel Strom wie heute, wofür wir die erneuerbaren Energien um einen Faktor sechs bis acht ausbauen müssten. Das ist einerseits ein großer Aufwand, andererseits stellt es uns auch vor neue Herausforderungen: Früher gab es eine überschaubare Zahl von Großkraftwerken, deren Stromproduktion planbar war. Wind und Sonne sind hingegen viel erratischer, weswegen sich ihre Ausbeute nur schwer vorhersagen lässt. Zudem haben wir in Zukunft statt weniger Großkraftwerke Hunderttausende von dezentralen Erzeugern, die alle gesteuert werden müssen.

Zitat Stefan Helmcke

Das klingt teuer. Mit welchen EU-weiten Kosten müssen wir für die Energiewende rechnen?

Engel: Das haben wir für unsere „Net-Zero Europe“-Studie berechnet. Wenn die Europäische Union sich für einen optimalen Pfad entscheidet, kommen wir im Zeitraum 2020 bis 2050 auf Kosten von etwa 28 Billionen Euro. Dabei handelt es sich aber nicht um zusätzliche Ausgaben – der Löwenanteil dieser Investitionen hätte ohnehin getätigt werden müssen und wird nur in andere Bereiche umgeleitet. So hätten die Europäer beispielsweise auch ohne Energiewende in Zukunft neue Autos gekauft. Das werden nun aber Fahrzeuge mit Elektro- statt Verbrennungsmotor sein. Ein durchschnittlicher Haushalt wird nach unseren Berechnungen darum kaum etwas von der Energiewende spüren: E-Autos sind zum Beispiel günstiger in Betrieb, während sich Flugreisen etwas verteuern dürften. Kostensteigerungen und Einsparungen werden sich ungefähr ausgleichen. Haushalte mit einem höheren Einkommen müssen mit steigenden Kosten rechnen, während Haushalte unterhalb des Durchschnitts von einer leichten Einsparung profitieren dürften.

Zitat Hauke Engel



Helmcke: Das gilt allerdings nur für den optimalen Pfad der Transformation. Wenn die Europäische Union weit hinter ihren eigenen Ausbauzielen zurückbleiben sollte, wird sich Strom künftig deutlich verteuern – was dann insbesondere für Haushalte mit geringem Einkommen ein Problem wäre.

Lassen sich die Kosten der Energiewende durch eine EU-weite Zusammenarbeit verringern?

Engel: Das ist tatsächlich so, denn jedes Land kann seine spezifischen Standortvorteile einbringen. So scheint im Süden öfter die Sonne, während die Ausbeute von Windkraft im Norden höher ist. Gemeinsam sind wir also deutlich effizienter: Nach unseren Berechnungen lassen sich die CO2-Vermeidungskosten um rund 15 Euro pro Tonne Kohlendioxid verringern.

Helmcke: Wir sollten aber auch über die Europäische Union hinaus denken und beispielsweise mit der Ukraine oder Nordafrika zusammenarbeiten. Dabei können wir unter anderem die existierende Gas-Infrastruktur nutzen – etwa um grünen Wasserstoff effizient über weite Strecken zu transportieren.


Ist die EU denn auf dem richtigen Weg?

Engel: Die verabschiedeten Ziele sind richtig. In der Wirklichkeit sieht es allerdings nicht ganz so gut aus, zum Beispiel beim Ausbau der Windkraft in Deutschland. Allerdings reden wir hier ja von einem riesigen Kraftakt: dem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien, der Elektrifizierung der gesamten Fahrzeugflotte und dem Aufbau einer neuen Wasserstoff-Wirtschaft.

Helmcke: Und es gibt noch ein Thema, das in diesem Zusammenhang wichtig ist: CCS. Manche Prozesse wie etwa die Zementherstellung sind kaum zu dekarbonisieren, sodass wir über die Speicherung von Kohlendioxid diskutieren sollten. Wollen wir CCS nutzen? Und wie sieht es mit der Akzeptanz insbesondere in Deutschland aus? Diese Fragen müssen wir diskutieren und beantworten, wenn wir das Ziel der Klimaneutralität realistischer Weise erreichen wollen.

Sie erwähnen in Ihrer Studie auch den Fleischkonsum. Was muss sich hier ändern?

Engel: Hier ist das Problem der hohe Ausstoß von Methan. Für den Klimaschutz wäre es darum tatsächlich hilfreich, wenn die Menschen weniger Fleisch essen würden. Es gibt aber auch Ansätze, den Methan-Ausstoß der Fleischproduktion mithilfe von Beimischungen im Futter zu verringern. Künstliches Fleisch aus dem Labor ist eine weitere Alternative.

Helmcke: Entscheidend ist hier aus meiner Sicht die Transparenz. Auf allen Produkten sollten deren Umweltauswirkungen angegeben werden, sodass der Kunde die Wahl hat. Natürlich kann man den Fleischkonsum auch mit regulatorischen Maßnahmen steuern.

Die Energiewende bietet auch neue Chancen für Unternehmen. Welchen Einfluss hat sie auf die Jobs in Europa?

Engel: Wir rechnen in unserer Studie mit elf Millionen neuen Jobs bis 2050 in Europa, während gleichzeitig sechs Millionen bestehende Arbeitsplätze verloren gehen dürften – etwa in der Automobilindustrie. Elektroautos sind eben einfacher aufgebaut als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Umgekehrt könnten dort aber auch neue Jobs entstehen und für einen teilweise Ausgleich sorgen, zum Beispiel in der Batterieproduktion. Profiteure der Energiewende werden unter anderem Arbeitnehmer in der Wind- oder Solarbranche sein. Aber auch die Baubranche und deren Zulieferer – beispielsweise die Hersteller von Wärmepumpen – dürften zu den Gewinnern gehören.

Helmcke: Man darf auch nicht vergessen, dass für die Energiewende viele neue Technologien notwendig sein werden. In einem Land wie Deutschland mit seinen hervorragenden Ingenieuren könnten so in Zukunft neue Global Player entstehen. Auch in diesem Bereich sind wir momentan aber leider noch im Rückstand, wie etwa das Beispiel Tesla zeigt.

Wie stellen Sie sich den Alltag im Jahr 2050 vor – nach erfolgreicher Energiewende?

Engel: Er wird vermutlich heißer sein als heute. Vielleicht erleben wir trotz Temperaturen weit über 30 Grad gerade einen der kühlsten Sommer der nächsten Jahrzehnte. Wenn wir den optimalen Fall für die Transformation beschreiten, dürfte sich ansonsten nicht viel ändern. Möglicherweise wird die Mobilität etwas anders sein als heute.

Helmcke: Auch ich glaube, dass das Leben im Jahr 2050 nur in Nuancen anders sein wird als heute. Das gilt aber nur unter der Voraussetzung, dass wir schnell genug umsteuern. Sonst werden die Einschnitte groß sein.




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