18.01.22 Wenn beide klimafreundlich sind  – her damit! Interview mit Christian Bauer • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Wie klimafreundlich ist blauer Wasserstoff? Darüber wird aktuell kontrovers diskutiert. Christian Bauer vom Paul Scherrer Institut in Villigen (Schweiz) hat diese Frage gemeinsam mit anderen Forschern in einer Studie untersucht. Im Interview erklärt er, warum die Grabenkämpfe um den blauen Wasserstoff aufhören sollten. 

Christian Bauer vom Paul Scherrer Institut in Villigen (Schweiz)

Blauer Wasserstoff gilt als Übergangstechnologie, bis es genügend grünen Wasserstoff gibt. Was glauben Sie: Wann wird grüner Wasserstoff in großen Mengen zur Verfügung stehen?

Das ist schwer zu sagen. Für die EU-Ziele hinsichtlich grünen Wasserstoffs bräuchte man jedenfalls einen enormen Ausbau der erneuerbaren Energien und der Elektrolyse-Kapazitäten. Die Ausbaurate müsste deutlich höher sein als in der Vergangenheit im Fotovoltaik-Sektor. Das ist zwar möglich, aber doch eine sehr große Herausforderung. 

Der Einsatz von blauem Wasserstoff wird kontrovers diskutiert. Welche Probleme sehen Sie?

Blauer Wasserstoff muss dem Klimaschutz dienen. Diese Voraussetzung ist nur erfüllt, wenn bei der Produktion und beim Transport des Erdgases kaum klimaschädliches Methan austritt und bei der Erdgas-Reformierung fast das gesamte Kohlendioxid abgeschieden wird. Letzteres ist mit modernen Anlagen machbar. Bei der Förderung und beim Transport des Erdgases ergibt sich ein gemischtes Bild mit guten und schlechten Beispielen: Im weltweiten Vergleich schwanken die Methanverluste zwischen rund 0,1 und acht Prozent des gesamten Erdgases. Das sind natürlich riesige Unterschiede – und davon hängt auch ab, ob blauer Wasserstoff klimafreundlich ist oder nicht. 

Eine Studie aus den USA kommt zum Ergebnis, dass blauer Wasserstoff keinen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. Warum sehen Sie das in Ihrer eigenen Studie anders?

Die US-Studie war tatsächlich der Auslöser für unsere eigene Untersuchung. Aus meiner Sicht geht sie sehr einseitig von den schlechtesten möglichen Annahmen aus, sodass ihre Ergebnisse nur unter bestimmten Rahmenbedingungen gelten und kein repräsentatives Bild vom blauen Wasserstoff zeichnen. Wir wollten zeigen, unter welchen realistischen Annahmen blauer Wasserstoff einen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. Und mit modernen Anlagen ist das durchaus möglich. 

Wie sind Sie bei Ihrer Studie vorgegangen?

Bei den Methanemissionen haben wir uns vor allem auf Zahlen der Internationalen Energieagentur IEA und Untersuchungen aus den USA gestützt. Dabei haben wir festgestellt, dass es große regionale Unterschiede gibt: Besonders niedrige Methanemissionen findet man beispielsweise in Norwegen und Großbritannien, während die Zahlen in den USA stark schwanken. Die höchsten Methanemissionen mit bis zu acht Prozent gibt es in Libyen und dem Irak. Bei der Erdgas-Reformierung hat die US-Studie Zahlen von Anlagen herangezogen, die CO2 abscheiden, um es bei der Ölförderung einzusetzen. Dort legt man aber gar keinen Wert auf hohe CO2-Abscheidungsraten. Es gibt bereits Technologien, die fast das gesamte Kohlendioxid abscheiden können. Ich rechne damit, dass diese in den kommenden Jahren eingesetzt werden. 

Vorausgesetzt, blauer Wasserstoff wird unter optimalen Bedingungen produziert: Wie hoch wären die CO2-Emissionen im Vergleich zu grünem Wasserstoff?

Bei einem seriösen Vergleich würde man feststellen: Die CO2-Bilanz von solch blauem Wasserstoff entspricht ungefähr der CO2-Bilanz von grünem Wasserstoff, der aus Solarstrom produziert wird. Denn die Herstellung der Fotovoltaik-Module ist ja auch energieaufwendig und dementsprechend mit CO2-Emissionen verbunden. Ich bin aber dagegen, blauen und grünen Wasserstoff gegeneinander auszuspielen. Wenn beide klimafreundlich sind – her damit! 

Wie teuer ist blauer Wasserstoff?

Heute nutzen wir vor allem grauen Wasserstoff, der aus Erdgas ohne die Abscheidung von Kohlendioxid hergestellt wird. Im Vergleich dazu ist blauer Wasserstoff derzeit ungefähr um 50 Prozent teurer. Allerdings rechne ich in den kommenden Jahren damit, dass sich diese Differenz verringern wird – und auch bei grünem Wasserstoff, der heute noch deutlich teurer ist, werden die Kosten sinken. Zudem muss man auch die Preise für CO2-Zertifikate im Auge behalten: Wenn sie stark ansteigen, werden grüner und blauer Wasserstoff schneller wettbewerbsfähig. 

Zum Schluss bitte ein Resümee: Was sagen Sie zur Kontroverse um grünen und blauen Wasserstoff?

Ich möchte zwei Punkte hervorheben. Erstens: Bei jeglicher Art von Regulierung sollte man die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigen – also Treibhausgasemissionen aus der Erdgasversorgung, der Wasserstoffproduktion, aber auch jene der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien. Oder anders ausgedrückt: Regulierungen sollten auf vollständigen Ökobilanzen beruhen. Sonst rechnet man sich etwas schön und macht sich angreifbar. Zweitens: Man sollte – wie schon gesagt – nicht blauen und grünen Wasserstoff gegeneinander ausspielen. Ich finde diese Grabenkämpfe ziemlich skurril. Denn wen kümmert die Farbe des Wasserstoffs, wenn er nachweislich geringe CO2-Emissionen verursacht? Wichtig ist doch nur, dass genug davon vorhanden ist. 



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