21.09.21 Wir brauchen einen diversifizierten Ansatz“ Interview mit Nicolas Berghmans • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

Deutschland und Frankreich stehen beim Klimaschutz vor ähnlichen Herausforderungen – setzen teilweise aber auf andere Lösungen. Nicolas Berghmans vom Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen (IDDRI) in Paris spricht im Interview über Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Nicolas Berghmans, wie beurteilen Sie den deutschen Ansatz zum Umbau des Energiesystems?

„Einer der größten Erfolge Deutschlands ist der Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere der Wind- und Solarenergie.“

Nicolas Berghmans, Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen (IDDRI)

Zunächst einmal bin ich überzeugt, dass die Energiewende in Deutschland sowohl im Inland als auch über die Grenzen des Landes hinaus zu wichtigen und bedeutenden Veränderungen führt. Einer der größten Erfolge Deutschlands ist der Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere der Wind- und Solarenergie. Gleichzeitig hat das Land gezeigt, dass dezentrale und variable erneuerbare Energien ein möglicher Weg zur Dekarbonisierung des Energiemixes sein können. Außerdem hat der Konsens über den Ausstieg aus der Kohle – auch wenn er zu lange dauert, um die Klimaziele zu erreichen – alle Interessengruppen in die Diskussion einbezogen und die entscheidende gesellschaftliche Dimension des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft anerkannt. Das ist wichtig, denn diese harten, aber entscheidenden Diskussionen müssen auch in anderen Branchen geführt werden, wenn wir unsere Dekarbonisierungsziele erreichen wollen – zum Beispiel in der Autoindustrie und in bestimmten Bereichen der Landwirtschaft. Dennoch geht der klimafreundliche Umbau der Wirtschaft in Deutschland, wie auch in anderen europäischen Ländern, noch zu langsam voran, insbesondere im Verkehrs- und Bausektor. Die Veränderungen müssen beschleunigt werden, wenn wir unsere gemeinsamen Klimaziele erreichen wollen.

Was ist am deutschen Ansatz besonders gut?

Wenn wir uns die Details ansehen, stellen wir fest, dass die Energiewende von der deutschen Bevölkerung offenbar weitgehend akzeptiert und unterstützt wird. Ein solch breiter Konsens macht es möglich, mehrere politische Hürden zu überwinden, beispielsweise die anfänglichen öffentlichen Kosten für die Unterstützung einer neu entstehenden Industrie. Außerdem werden auf diese Weise Akteure in der gesamten Gesellschaft mobilisiert – von Energieunternehmen über lokale Behörden bis hin zu Arbeitnehmern und Verbrauchern –, und Investoren erhalten die Gewissheit, dass sich politische Schwankungen nicht negativ auf ihre Investitionen auswirken werden. Dies verdeutlicht auch der Konsens über den Ausstieg aus der Kohleindustrie, der die Richtung für eine Branche vorgibt, die trotz der Härten des Strukturwandels verschwinden soll.

Was hätte man Ihrer Meinung nach besser machen können?

„Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die großen Meilensteine auf dem Weg zur Klimaneutralität schneller erreicht werden müssen.“

Nicolas Berghmans, Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen (IDDRI)

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die großen Meilensteine auf dem Weg zur Klimaneutralität schneller erreicht werden müssen. Ohne die COVID-19-Krise und ihre Auswirkungen auf die CO2-Emissionen hätte Deutschland sein Klimaziel für 2020 nicht erreicht, und tatsächlich steigen die Emissionen in diesem Jahr bereits wieder an. Dies ist ein besorgniserregender Trend, den Deutschland wie andere Länder auch mit geeigneten Maßnahmen stoppen muss. Erstens muss die energetische Sanierung von Gebäuden durch mehr Anreize für Vermieter beschleunigt werden. Es sollte mehr getan werden, um umweltfreundliche Infrastrukturen zu unterstützen, da diese notwendig sind, um Engpässe zu vermeiden, und ihre Umsetzung Zeit braucht. Dazu gehören Investitionen in das Stromnetz, um die Erzeugung erneuerbarer Energien in die Verbrauchszentren zu integrieren, sowie Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Schließlich müssen Leitmärkte für klimaneutrale Materialien geschaffen werden, um Investitionen in innovative, kohlenstoffarme Industrieprozesse zu fördern, die erforderlich sind, um die derzeitigen kohlenstoffintensiven Industrien zu ersetzen. In dieser Hinsicht wird dieses Jahrzehnt entscheidend sein, da ein großer Teil der europäischen Industrieanlagen ersetzt werden muss.

Welchen Weg geht Frankreich auf dem Weg zur Klimaneutralität?

„Die Kernenergie wird in Frankreich als wichtiger Faktor angesehen, der für die kohlenstoffarme Stromerzeugung im Land insbesondere vor dem Hintergrund einer zunehmenden Elektrifizierung notwendig ist.“

Nicolas Berghmans, Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen (IDDRI)

In gewissem Maße stehen Frankreich und Deutschland vor ähnlichen Herausforderungen, es gibt jedoch auch erhebliche Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Der größte Unterschied ist, dass es in diesem Land keinen Konsens über den Ausstieg aus der Kernenergie gibt. Im Gegenteil: Die Kernenergie wird in Frankreich als wichtiger Faktor angesehen, der für die kohlenstoffarme Stromerzeugung im Land insbesondere vor dem Hintergrund einer zunehmenden Elektrifizierung notwendig ist. Darüber hinaus wird in Frankreich derzeit verstärkt versucht, die Landwirtschaft durch stärkere Nutzung von Bioenergie in das neue Energiesystem einzubinden, wobei besonders der Ausbau der Biogasproduktion im Fokus steht. Dies kann den Landwirten zusätzliche Einnahmen bringen und zur Entwicklung ländlicher Regionen beitragen. Allerdings kann dies im Zusammenhang mit der Förderung der biologischen Vielfalt und der bestehenden Struktur der Agrarindustrie schwierig sein, wie das Beispiel der deutschen Biogasindustrie in der Vergangenheit gezeigt hat. Der dritte große Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland besteht meines Erachtens darin, dass sich Frankreich heute viel stärker auf die Frage der Energieautonomie konzentriert. Das heißt, die Energie, die es verbraucht, soll im eigenen Land produziert werden, während Deutschland bereits darüber nachdenkt, in Zukunft klimaneutrale Brennstoffe zu importieren, wie die jüngsten politischen Initiativen zum Wasserstoff zeigen.

Welche Chancen und Risiken birgt dieser Wandel für Frankreich?

Erneuerbare Energien, klimafreundliches Bauen, Mobilität und Wasserstoff bieten viele Möglichkeiten für wirtschaftliche Aktivitäten und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Diese Entwicklung trägt nicht nur zur Abschwächung des Klimawandels bei. Der gesundheitliche Nutzen des Ausstiegs aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe sollte keinesfalls unterschätzt werden. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Frankreich eines der europäischen Länder mit dem größten Potenzial für erneuerbare Energien ist, die sowohl an Land als auch offshore erzeugt werden können, und dass dieses Potenzial noch ausgeschöpft werden muss. Meiner Meinung nach besteht eine der größten Gefahren darin, sich zu sehr auf eine einzige Lösung oder Technologie zu konzentrieren. Viele Lösungen sind bereits verfügbar, doch wir wissen noch nicht, welche Bereiche letztendlich eine bedeutende oder unbedeutende Rolle in einer klimaneutralen Wirtschaft spielen werden. Einige unserer Entscheidungen könnten uns auf lange Sicht in eine Sackgasse führen. Wir brauchen also einen diversifizierten Ansatz, der uns erlaubt, Risiken einzugehen.

Wie können die europäischen Länder ihre individuellen Stärken bündeln, um den Klimawandel so effektiv wie möglich zu bekämpfen?

„Die europäischen Länder können ihre Ressourcen bündeln, um die Risiken zu verteilen, neue Standards festzulegen und die Vorteile zu teilen, die neue kohlenstoffarme Industrien bringen könnten.“

Nicolas Berghmans, Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen (IDDRI)

Die Europäische Union steht heute an der Spitze der Klimaschutzmaßnahmen und sollte daran arbeiten, ihre Führungsrolle zu behalten. Die europäischen Länder können zunächst ihre Ressourcen bündeln, um die Risiken zu verteilen, neue Standards festzulegen und die Vorteile zu teilen, die neue kohlenstoffarme Industrien bringen könnten. Ein gutes Beispiel hierfür ist die European Battery Alliance, ein Ansatz, der auch in anderen Bereichen Anwendung finden könnte. Dazu müssen jedoch alle Mitgliedstaaten noch enger zusammenarbeiten, wobei Frankreich und Deutschland als den beiden größten Volkswirtschaften der EU eine Schlüsselrolle zukommt. Beide Länder verfolgen unterschiedliche Ansätze für ihre langfristigen Dekarbonisierungsstrategien. Aber der Wille, den Klimaschutz durch eine weitgehende Dekarbonisierung bis 2050 voranzutreiben, basiert auf ähnlichen Werten und Meinungen der Bürger beider Länder.


Nicolas Berghmans

Vita

Nicolas Berghmans ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Energie- und Klimapolitik am Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen (IDDRI) in Paris. Sein Fachgebiet ist der Elektrizitätssektor. Der Fokus seiner Arbeit liegt auf der Integration erneuerbarer Energien in das Stromnetz und die Steuerung der Energiemärkte in Europa. Berghmans hat einen Master-Abschluss in internationalen Beziehungen der Sciences Po Universität Paris mit dem Schwerpunkt Wirtschaft. Zuvor arbeitete er als Forscher im Bereich Klimaökonomie bei CDC Climat, einer Tochtergesellschaft der Caisse des Dépôts et Consignations.

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