08.07.20 Ist Nachhaltigkeit frauenfeindlich? Marcella Corsi • 5 min.

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Interview mit Marcella Corsi, Ökonomin

Klimaschutz ist gut für Erde und Mensch, egal ob Frau, Mann, LGBTQI oder ethnische Minderheit. Oder? Die italienische Ökonomin Marcella Corsi sprach mit uns darüber, warum die Klimapolitik um Geschlechterfragen zumeist einen Bogen macht und wie sie stattdessen der Regenbogenkoalition beitreten kann.

Ihre Forschung galt anfangs dem Zusammenhang zwischen technischem Wandel und Arbeitsteilung. Wann begannen Sie, sich auf Geschlechterfragen zu konzentrieren?
Die Ungleichheit der Geschlechter ist seit mindestens 150 Jahren als wirtschaftliches Problem erkannt. Der britische Ökonom und Philosoph John Stuart Mill bezeichnete sie in seinem Essay „The Subjection of Women“/„Die Hörigkeit der Frau“ (1869) als „eines der Haupthindernisse der menschlichen Weiterentwicklung.“ Das bleibt sie weiterhin. Als Doktorandin an der Universität Manchester Ende der 1980er Jahre konnte ich jedoch Feminismus und meine Forschung noch nicht unter einen Hut bringen. Mit der Zeit wurde mir der Zusammenhang aber immer deutlicher und ich wurde eine feministische Wirtschaftswissenschaftlerin. Für die Forschung insgesamt war die Gründung der Fachzeitschrift „Feminist Economics“ vor rund 25 Jahren zweifellos ein wichtiger Meilenstein.

Wie blickt die feministische Wirtschaftswissenschaft auf den Klimaschutz?

Fangen wir bei der Grundeinheit aller Gesellschaften an, dem privaten Haushalt. Europäische Haushalte sollen zunehmend energieeffizienter und nachhaltiger werden, etwa beim Wasserverbrauch oder der Abfallvermeidung. Aus Sicht des Ökofeminismus endet die klimapolitische Relevanz der Haushalte darin noch lange nicht. Unbezahlte Pflege- und Hausarbeit – überwiegend von Frauen geleistet – schreibt nicht nur die Geschlechterungleichheit fort, sie ist auch eine kostenlose Subvention, die das Wirtschaftswachstum und damit den Ressourcenverbrauch in reichen Ländern weiter antreibt. Zudem fördert sie eine Konsumkultur, die, wie weithin anerkannt, die biophysikalischen Grenzen der Erde inzwischen überschreiten lässt. Die Klimastrategien der europäischen Länder stellen keinen Zusammenhang zwischen der Ausbeutung weiblicher Fürsorgearbeit und der Ausbeutung natürlicher Ressourcen her.

Marcella Corsi

Warum wird diese Verbindung nicht hergestellt?

Im Grunde befasst sich die Politik mit Gender-Themen eher selten. Außerdem ist es viel einfacher, die Energiewende umzusetzen, ohne dabei etwas gegen die ungerechte Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen zu tun. Das würde viel grundlegendere Veränderungen erfordern. Um Erderwärmung und soziale Gerechtigkeit gleichzeitig anzupacken, müssten Politiker die geschlechtsspezifischen Folgen der einzelnen Maßnahmen berücksichtigen. Der Umstieg von Auto auf Bahn, Bus und Fahrrad klingt toll. Aber er erhöht auch den Zeit- und Arbeitsaufwand für den Einkauf und andere familiäre Besorgungen, die in der Regel von Frauen erledigt werden. Nachhaltige Maßnahmen müssen so gestaltet werden, dass sie die Geschlechtergleichheit fördern, anstatt Frauen noch mehr Arbeit und Verantwortung aufzubürden.

Was muss getan werden, damit in Zukunft die geschlechtsspezifischen Folgen klimapolitischer Maßnahmen berücksichtigt werden?

Der Übergang zu einer CO2-neutralen Wirtschaft ist derzeit ein technokratisches Großprojekt. Es muss ein Basisprojekt werden, das eine Vielzahl von Gruppen einbezieht: Frauen, Schutzsuchende, LGBTQI, Jugendliche, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Dass diese Gruppen bisher praktisch ignoriert werden, könnte für die Unsichtbarkeit von Geschlechterfragen in der gegenwärtigen Politik eine Teilerklärung sein. Gleichwohl ist der Klimaschutz eine spannende Gelegenheit, viele traditionelle Muster des täglichen Lebens neu zu durchdenken. Die Energiewende könnte sogar der Geschlechtergerechtigkeit förderlich sein – wenn sie feministische Umweltziele einbezieht. Dazu müsste sich die Klimapolitik die Einsichten feministischer Umweltschützer*innen, Architektinnen, Stadt- und Verkehrsplanerinnen zunutze machen. Wären Frauen an Entscheidungsprozessen stärker beteiligt, würde die Gleichstellung der Geschlechter von Anfang an berücksichtigt werden.

Was sind Ihrer Meinung nach die beiden wichtigsten ökofeministischen Forderungen?

Erstens müssen wir uns klar machen, dass bezahlte und unbezahlte Pflegearbeit durch Frauen ein Hauptpfeiler unserer Wirtschaft ist und somit mittelbar zur fortschreitenden Erschöpfung von Ressourcen beiträgt. Zweitens müssen wir die sozialen und ökologischen Kosten der Pflegearbeit reduzieren, indem wir diese Arbeit innerhalb der Gesellschaft gerechter verteilen und sie effizienter, ressourcenschonender und CO2-ärmer organisieren.

Wo erfahren unsere Leserinnen und Leser mehr über einen feministischen Ansatz zum Klimaschutz?

Einen guten Überblick bietet die „Feminist Agenda for a Green New Deal“, die im September 2019 von US-amerikanischen Frauenrechtlerinnen und Klimaaktivistinnen veröffentlicht wurde. In der Agenda sprechen sie sich für einen konsequenten Übergang zu regenerativen Volkswirtschaften aus, für eine Abkehr von ausbeuterischen Produktionsweisen sowie für die Ablehnung in die Irre führender, rein technokratischer Lösungen für die Klimakrise. Ende Mai 2020 veröffentlichten zudem die britischen Frauenrechtsorganisationen „Women’s Budget Group“ und „Women’s Environmental Network“ ein ausführlicheres Dokument, „Towards a Feminist Green New Deal for the UK.“ Hier werden die verdeckten geschlechtsspezifischen Prämissen der britischen Klimapolitik beleuchtet und Wege aufgezeigt, wie Klimaschutz integrativer gestaltet werden kann.


Zur Person

Marcella Corsi ist Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität La Sapienza in Rom. Sie hat dort Statistik und Volkswirtschaft studiert und anschließend an der University of Manchester in Großbritannien promoviert. Als Beraterin ist sie u.a. für die Europäische Kommission, das Europäische Parlament, die OECD und verschiedene Institutionen in Italien tätig gewesen. Sie hat das Web-Magazin „inGenere“ mitbegründet und ist Herausgeberin der „International Review of Sociology“ sowie Koordinatorin von „Minerva - Laboratory on Diversity and Gender Inequality.“

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