27.05.22 „Klimapositive Industrien rücken in greifbare Nähe“ Interview mit Marius Hachenberg • Lesedauer: 5 min.

Scroll to Read
Zusammenfassung

Marius Hachenberg leitet das Deutschlandgeschäft des Holzpellet-Herstellers Enviva Inc. Im Interview berichtet er über das Potenzial des nachwachsendenRohstoffsfür die Wärmeproduktion und in anderenBranchen. 

Herr Hachenberg, von Holzpellets ist meist im Zusammenhang mit privaten Heizungen die Rede. Welche Rolle können sie in der Industrie spielen?

Für Energieversorger, Stadtwerke und die Industrie ist die Umstellung auf erneuerbare Energien eine Herausforderung – insbesondere im Bereich der Wärme. Wind- und Solaranlagen lassen sich für die Stromversorgung hervorragend nutzen. Im Gegensatz dazu gibt es bei der Erzeugung von grüner Wärme aber nur wenige Technologien, die schon heute verfügbar und mit Blick auf Versorgungssicherheit, Preisstabilität und Planbarkeit auch zuverlässig einsetzbar sind. Gas ist längst nicht immer eine Option, die finanziell, technisch oder logistisch sinnvoll ist. Industrielle Holzpellets schließen hier eine wichtige Lücke, denn existierende Kohlekraftwerke und die Energieerzeugung in energieintensiven Industrien können vergleichsweise schnell und kostengünstig auf Holzpellets umgerüstet werden. 

Marius Hachenberg, Geschäftsführer Enviva Deutschland

Welche Investitionen müssen Unternehmen vornehmen, um Pellets nutzen zu können? 

Eine Umrüstung ausgewählter Kraftwerke auf Industrie-Holzpellets ist technisch nicht zu anspruchsvoll und innerhalb von circa zwei Jahren möglich – zu einem Bruchteil der Kosten, die beim Neubau eines Ersatzkraftwerkes anfallen würden. Die Möglichkeit, Kohle durch Holz zu ersetzen, ist insbesondere für systemkritische Anlagen relevant, die aus verschiedenen Gründen nicht auf Gas umstellen können. Vor allem bei Kraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung kann ein klimafreundlicher Wirkungsgrad von bis zu 90 Prozent erreicht werden. Und das unter Beibehaltung bestehender Energieinfrastruktur, was wiederum Standorte erhält, Arbeitsplätze sichert und diesen eine „grüne“ Zukunft gibt. 

Apropos „grün“: Wie sieht es bei den Emissionen aus?

Im Vergleich zur Kohle kann nachhaltig erzeugte Biomasse die Treibhausgas-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus um mehr als 85 Prozent reduzieren. Im Vergleich zu Erdgas können die Emissionen um rund 70 Prozent verringert werden, bei LNG sogar noch etwas mehr. 

Wie teuer ist Energie aus Pellets im Vergleich zu Alternativen? 

Kohlendioxidfreie und nachwachsende Rohstoffe sind wider Erwarten nicht teurer als fossile Energieträger. Bei einem aktuellen CO2-Preis von 85 bis 90 Euro pro Tonne sind Industrie-Holzpellets in der Wärmeerzeugung gegenüber Steinkohle bis zu 20 Prozent billiger, bei Gas sind es fast 46 Prozent. 

Welche Branchen nutzen bereits Pellets? 

Derzeit ist die Energiebranche noch der primäre Nutzer von industriellen Holzpellets – insbesondere in Europa und Asien, wo Unternehmen wie Ørsted, Drax, Sumitomo und Mitsubishi schon lange auf Energie aus Holz setzen. In letzter Zeit sind industrielle Holzpellets aber auch in der energieintensiven Industrie auf dem Vormarsch. Sie können zum Beispiel im Bereich der grünen Prozesswärme einen wichtigen Beitrag leisten, etwa in der Stahl-, Zement- oder Kalkindustrie. Darum setzt unter anderem der Stahlhersteller ArcelorMittal auf die Entwicklung von Biomasse-Technologien – neben Wasserstoff. Der Rohstoff Holz ist auch ein Kandidat für die Defossilisierung der Treibstoff- und Chemieindustrie: Luftfahrtunternehmen treiben beispielsweise die Erzeugung biobasierter Flugtreibstoffe voran. Wir haben hier bereits konkrete Absichtsvereinbarungen unterschrieben. 

Welche künftigen Anwendungen sehen Sie noch?

In Zukunft ist Bioenergie mit Carbon Capture Storage and Utilisation (BECCUS) eine der ganz wenigen Optionen, um tatsächlich Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu entfernen und damit negative Emissionen zu erreichen. Klimapositive Industrien rücken so in greifbare Nähe. Sobald die Technologie ausgereift ist, könnte BECCUS den Beginn einer neuen Ära für CO2-arme Kraftstoffanwendungen markieren. So könnten Unternehmen internationale Netto-Null-Ziele erreichen oder sogar übertreffen. Für Wasserstoff-Wertschöpfungsketten kann Bioenergie zudem als Grundlasttechnologie, stoffliches Ausgangsmaterial sowie als Zulieferer grünen Kohlenstoffs fungieren. 

Wie groß ist das Substitutionspotenzial der Pellets? 

Die Substitutionspotenziale lassen sich nur schwer quantifizieren, auch weil die Anwendungsmöglichkeiten von Industriepellets so vielfältig sind. Laut FutureMetrics wird sich die Pelletnachfrage in Deutschland allein im Strom- und Wärmemarkt bis 2027 ungefähr verdreifachen. Mit dem Aufkommen der industriellen Bioökonomie in Deutschland werden Bio-zu-X-Anwendungen zunehmen und Gas, Öl und Kohle zunehmend ersetzen. Das geht allerdings nur, solange wir mit nachhaltiger Biomasse arbeiten. Global gehen wir alleine in der Chemieindustrie von einem Kohlenstoffbedarf von 450 Millionen Tonnen aus.  

Wie nachhaltig sind Ihre Pellets? 

Nachhaltigkeit ist die grundlegende Voraussetzung für die energetische Verwendung von Holz. Gängige Praxis ist die „Kaskadennutzung“. Dabei wird wertvolles Stammholz als langfristige Kohlenstoffsenke an Sägewerke oder die Bau- und Möbelindustrie geliefert, während Nebenprodukte der traditionellen Holzernte – also Durchforstungsholz, kranke, dünne oder deformierte Bäume, aber auch Reste wie Kronen, Äste oder Fasern – zur Pelletproduktion genutzt werden. Worauf es aber wirklich ankommt: Der Wald muss insgesamt wachsen und für die Zukunft erhalten bleiben. Wir beziehen unser Holz darum ausschließlich von Waldflächen, die grundsätzlich wieder aufgeforstet werden. 

Woher stammt Ihr Holz?

Aus dem Südosten der USA, wo Enviva seinen Sitz hat. Dort gibt es heute 40 Prozent mehr Bäume als vor 25 Jahren. Mit 1,2 Millionen Quadratkilometern ist es eines der größten Forstwirtschaftsgebiete der Welt – etwa dreimal so groß wie Deutschland – und hat einen jährlichen Nettozuwachs von 320 Millionen Tonnen. Über unser satellitengestütztes „Track and Trace“-Programm können wir übrigens jederzeit die Herkunft unseres Holzes zurückverfolgen – in Echtzeit. 

Wie ist Enviva entstanden?

Enviva wurde 2004 mit der Idee gegründet, dem Klimawandel aktiv entgegenzutreten und das Konzept der Bioenergie voranzutreiben, indem man vermeintliche Abfallprodukte aus der Forstwirtschaft in grüne Energie umwandelt. Heute sind wir der größte Hersteller nachhaltig produzierter industrieller Holzpellets. Weltweit beschäftigt Enviva 1.400 Mitarbeiter, betreibt zehn Produktionsanlagen in den USA mit einer Gesamtkapazität von rund 6,2 Millionen Tonnen Holz pro Jahr und beliefert Kunden in Asien und Europa. 

Haftungsausschluss

Die Inhalte dieser Website werden mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Uniper SE übernimmt jedoch keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Inhalte. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung von Uniper SE wieder.