Kevin Frayer

15.10.21 Klimaschutz ist in China Chefsache“ Interview mit Nis Grünberg • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Klimasünder oder Treiber bei der globalen Dekarbonisierung? In China gehört der Klimaschutz zu den höchsten politischen Prioritäten, zugleich baut das Land aber die Kohleverstromung weiter aus. Wie das zusammenpasst, erklärt Nachhaltigkeitsexperte Nis Grünberg vom Berliner Mercator Institute for China Studies (MERICS).

Wie ernst meint es China mit dem Klimaschutz?

Das ist schwer zu beantworten. Grundsätzlich nimmt China den Klimawandel als reale Bedrohung wahr. Spätestens seit Präsident Xi Jinping letzten Dezember auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen das 2060-Ziel angekündigt hat, ist das Thema auf der Prioritätenliste der Regierung ganz nach oben gerutscht. Klimapolitik gab es natürlich schon vorher, aber seit sie Chefsache geworden ist, hat das Thema deutlich an Fahrt aufgenommen. Das Problem dabei ist aber: Klimaschutz ist nur eines von vielen Politikfeldern in China – es gibt also einen Wettbewerb der Prioritäten. Als andere wichtige Themen sind beispielsweise das Wirtschaftswachstum, die soziale Entwicklung und politische Stabilität zu nennen. Sie sind in China genauso wichtig wie der Klimaschutz.

Nis Grünberg

China will bis 2060 klimaneutral werden. Das ist noch ganz schön lange hin …

Ja, aber hier muss man einen Blick in die Geschichte werfen. Andere Länder – zum Beispiel Großbritannien und Frankreich – haben in den 1990er-Jahren den Höhepunkt beim CO2-Ausstoß erreicht. Vom „Peak Carbon“ bis zur Klimaneutralität werden sie also ungefähr 50 Jahre brauchen. Chinas Kohlendioxid-Maximum soll 2030 erreicht sein, sodass das Land danach innerhalb von 30 Jahren CO2-neutral werden muss. Man will diesen Sprung also wesentlich schneller schaffen als andere Nationen. Das ist eine große technologische Herausforderung.

In Deutschland und Europa gibt es konkrete Pläne zum Umbau des Energiesystems. Gibt es auch eine Art „chinesische Energiewende“?

Es existieren tatsächlich viele Pläne auf unterschiedlichen Ebenen, zum Beispiel bei den großen Staatsunternehmen und den lokalen Regierungen. Sie bereiten eigene Fünfjahrespläne mit Strategien zur CO2-Reduzierung vor, nachdem der landesweite Fünfjahresplan im März beschlossen worden ist. Es gibt also viele Ziele, die bis 2030 erreicht werden sollen. Parallel dazu wird allerdings auch die Kohleverstromung weiter ausgebaut. Das liegt daran, dass es neben der Zentralverwaltung auch viele mächtige lokale Akteure gibt, die die wirtschaftliche Entwicklung in den Vordergrund rücken und weniger Wert auf Klimaschutz legen. Möglicherweise gibt es jetzt aber Bewegung in der chinesischen Energiebehörde, die die Regionen mit einer Art Ampelsystem überwacht. Bisher wurde das eher lax gehandhabt, aber die mächtige parteiinterne Disziplinarkommission hat kürzlich die Energiebehörde scharf kritisiert, bei Verstößen nicht ausreichend zu handeln. Jetzt muss man sehen, wie sich diese Praxis bis zur und auch nach der UN-Klimakonferenz in Glasgow entwickelt.

Gibt es konkrete Technologien, auf die man in China in puncto Klimaschutz setzt?

Es gibt gerade einen regelrechten „Wasserstoff Craze“ im Land, weil Wasserstoff als Schlüsseltechnologie der Zukunft gilt. Mehr als zehn Provinzen haben bereits entsprechende Strategiepapiere verfasst, und fast täglich kommen neue hinzu. Geplant sind bis 2025 viele Investitionen in die Wasserstoffproduktion und Wasserstoffautos. Man beginnt momentan auch den Bau großer Demonstrationsprojekte zur Erzeugung von Wasserstoff aus Wind- und Sonnenenergie.

Nis Grünberg

Welche Rolle spielt die Kernenergie bei der chinesischen Energiewende?

Das Thema ist noch relativ neu in China. Allerdings sind mittlerweile bereits 47 neue Kernkraftwerke in Planung oder im Bau. Nach dem Reaktorunglück in Fukushima gab es zwar ein Moratorium – auch weil die Befürwortung in der Bevölkerung kippte –, aber die chinesische Führung sieht in der Kernenergie nach wie vor eine saubere Energiequelle und eine wichtige Alternative zur Kohleverstromung. Insbesondere in den Ballungszentren sollen Kernkraftwerke die Grundlast beim Stromverbrauch abdecken.

Nis Grünberg

Wie steht die chinesische Bevölkerung zum Klimawandel? Gibt es eine Klimaschutzbewegung wie in Europa oder den USA?

Umweltschutz ist in China schon lange ein Thema, etwa wegen des starken Smogs im Land. Präsident Xi Jinping hat ja bereits 2015 den „Krieg gegen die Luftverschmutzung“ ausgerufen. Auf diesem Gebiet ist in der Zwischenzeit auch viel passiert. Hier und auch beim Thema Wasserverschmutzung gibt es viele Organisationen aus der Zivilgesellschaft, die gemeinsam mit lokalen Regierungen an Lösungen arbeiten. Der Klimaschutz ist hingegen ein neues Thema, wird in der Bevölkerung aber durchaus als Problem wahrgenommen. Gerade die Bewohner der Metropolen interessieren sich sehr dafür. Ich bin mir aber nicht sicher, inwieweit der Klimaschutz außerhalb der Metropolen wie Peking und Schanghai als eigenes Aktionsfeld bereits in der Zivilgesellschaft angekommen ist.

Welche Rolle spielt China bei den internationalen Klimaschutzkonferenzen?

Das Land hat sich in den letzten Jahren vom Bremser zum Treiber entwickelt, zumindest in seiner öffentlichen Kommunikation. Mit dem Hinweis auf seinen Status als Entwicklungsland hat China beispielsweise früher von den USA und der EU verlangt, als „First Mover“ voranzugehen. Heute beruft man sich zwar immer noch auf diesen Status, nimmt aber zugleich eine aktivere Führungsrolle ein. Das hängt auch damit zusammen, dass die chinesische Regierung kein Vertrauen in die Klimapolitik der USA hat. Man ist sich nicht sicher, wie es dort langfristig weitergeht, und will sich darum selbst stärker einbringen. Insgesamt hat China aber, besonders durch das Kohle-dominierte Energiesystem, noch immer den Status als einer der größten Klimasünder. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie viel politischer Wille wirklich hinter den Ankündigungen Pekings steht.


Vita

Nis Grünberg vom Berliner Mercator Institute for China Studies (MERICS)

Nis Grünberg forscht am MERICS zu den Beziehungen zwischen dem chinesischen Staat und der Kommunistischen Partei Chinas, Elitenpolitik sowie der nachhaltigen Entwicklung Chinas. Er veröffentlichte zum chinesischen Energiesektor und zur Reform der chinesischen Staatsunternehmen. Grünberg koordiniert zudem die Forschung des Bereichs Innenpolitik und Gesellschaft am MERICS. Bevor er zu MERICS kam, forschte Grünberg an der Copenhagen Business School (CBS) und dem Sino-Danish Center in Beijing. Grünberg promovierte an der CBS und hat einen BA- und MA-Abschluss in Chinastudien von der Copenhagen University. Er studierte zudem an der Shanghai International Studies University, der National University of Singapore und an der Freien Universität Berlin. 

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