15.07.22 „Die Kompensation ist der letzte Schritt“ Interview mit Herbert Haberl, Nachhaltigkeitsexperte • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

Kompensation durch Klimazertifikate kann dazu beitragen, den CO2-Fußabdruck des Einzelnen, aber auch von Organisationen zu verringern. Doch Zertifikat ist nicht gleich Zertifikat, sagt Herbert Haberl. Er berät Unternehmen dabei, ihre Prozesse an Nachhaltigkeitskriterien auszurichten– und rät dazu, nicht nur auf die ökologischen, sondern auch die sozialen und ökonomischen Wirkungen von Klimaschutzprojekten zu achten. 

Herbert Haberl, Nachhaltigkeitsexperte

Herr Haberl, der Kauf von Klimazertifikaten ist eine Möglichkeit, den persönlichen CO2-Fußabdruck zu verringern – auch beim Reisen. Wie geht man hier am besten vor?

Zunächst ist mir eines wichtig: Die Kompensation durch den Kauf von Zertifikaten ist der letzte Schritt. Zunächst muss es – im täglichen Leben, aber auch beim Reisen – darum gehen, Emissionen zu vermeiden. Etwa, indem ich mich auch im Urlaub zu Fuß bewege oder mit dem Fahrrad fahre. Der zweite Schritt ist die Verringerung. So muss ich zum Beispiel nicht jeden Tag Fleisch essen, oder ich kann in einer kleinen Pension statt einer großen Hotelanlage wohnen, die im Verhältnis viel mehr Emissionen erzeugt. Nur was ich weder vermeiden noch verringern kann, sollte ich durch den Kauf von Zertifikaten kompensieren. Kompensation ist sozusagen das Sahnehäubchen beim Klimaschutz. 

Verstanden. Was steckt nun hinter dem Verkauf von Zertifikaten?

Ganz grundsätzlich gibt es weltweit Projekte, die sich um den Klimaschutz bemühen. Sie werden ganz oder teilweise durch den Verkauf von CO2-Zertifikaten finanziert. Die Projektentwickler legen genau dar, wie viele Emissionen durch ihr Projekt eingespart werden – und wie viel Geld eine bestimmte Menge an eingesparten Emissionen kostet. Diese Kosten werden dann „gestückelt“ verkauft, in Form der Zertifikate. Nachdem Sie ein Zertifikat erworben haben, kann dieses nicht ein weiteres Mal verkauft werden, denn der Verkauf wird in einem der weltweit existierenden, von der Privatwirtschaft betriebenen Register vermerkt. Man spricht davon, das Zertifikat zu löschen. Der ganze Prozess – von der Abschätzung des Beitrages zum Klimaschutz bis zur Löschung – wird von unabhängigen Prüforganisationen überwacht. 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Stellen Sie sich ein Projekt vor, das es Kleinbauern in Indien ermöglicht, ihre bislang wertlosen Ernteabfälle an eine Biogasanlage zu verkaufen. Biogas ist klimaschonender als Erdgas oder andere fossile Brennstoffe. Seine Verwendung senkt also die weltweiten Emissionen um einen definierbaren Betrag. Für die Realisierung des Projektes braucht es beispielsweise 50.000 Euro. Sie kaufen ein Zertifikat – etwa für 35 Euro pro Tonne eingesparter Emissionen –, leisten so einen Beitrag zur Finanzierung des Projektes und kompensieren einen Teil Ihres Fußabdrucks. 

Wo können Privatleute denn nun konkret ihre Reisen kompensieren?

Plattformen wie atmosfair.de, climatefair.de, klima-kollekte.de, primaklima.org oder myclimate.org bieten die Möglichkeit, die bei einer Flugreise entstehenden Emissionen zu berechnen. Über sie kann man dann Klimazertifikate zur Kompensation kaufen. Die Auswahl trifft die Plattform, oder Kompensierende können direkt bestimmen, in welches Projekt sie investieren. Aus meiner Sicht sind solche Anbieter zu empfehlen, die auf ihren Websites ausführlich zur Thematik informieren – also zum Beispiel darüber, welche Alternativen es zum Fliegen gibt – oder auf den oben erwähnten Dreischritt aus Vermeiden, Verringern und Kompensieren hinweisen. Auf diese Weise bringen sie zum Ausdruck, die Sache wirklich ernst zu nehmen.  

Worauf muss ich beim Kauf von Zertifikaten achten?

Es ist wichtig, dass die Anbieter – sowohl die Plattformen als auch die auf den Plattformen vorgestellten Betreiber von Projekten – transparente und leicht nachvollziehbare Informationen zum Kauf und natürlich den Projekten selbst liefern. Außerdem würde ich auf den verwendeten Standard schauen – also die Kriterien, nach denen die Projekte ausgewählt werden. Nicht nur ich empfehle dabei den sogenannten Gold Standard, der von der schweizerischen Zertifizierungs-NGO The Gold Standard Foundation entwickelt wurde. Über deren Website können Sie übrigens auch Ihren alltäglichen CO2-Fußabdruck ermitteln und gezielt in Projekte investieren. Außerdem findet sich auf der Website eine große Fülle an Ressourcen rund um das Thema Emissionsvermeidung und -verringerung. 

Grundsätzlich: Sind alle Projekte und die damit verbundenen Zertifikate sinnvoll?

Überhaupt zu kompensieren ist besser als gar nichts zu tun. Ich empfehle aber, auf den Gesamtimpact eines Projektes zu achten. Ideal sind Projekte, die auch andere Nachhaltigkeitsaspekte gemäß den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen miteinbeziehen. Denn neben den rein ökologischen Aspekten gibt es ja auch ökonomische und soziale. Nehmen Sie das Beispiel der Kleinbauern, die ihre Ernteabfälle zu Biogas machen: Ihnen eröffnet sich dadurch eine zusätzliche Einnahmequelle, was ihre wirtschaftliche Lage verbessert. Ich selbst investiere regelmäßig in Projekte, die holzbefeuerte Kochstätten durch klimafreundlichere Technik ersetzen. Das hilft nicht nur dem Klima, sondern verbessert den Gesundheitszustand der Betroffenen, weil sie keinen Holzrauch mehr einatmen müssen. 

Letzte Frage: Bei Klimaschutzprojekten denken viele an Wiederaufforstungsprogramme … 

Das ist eine in die Zukunft gerichtete Investition, denn Bäume brauchen lange, um zu wachsen und CO2 aufnehmen zu können. Ich empfehle, in Projekte zu investieren, die bereits existieren und bei denen mit dem Kauf eines Zertifikats sofort die Menge an weltweit verbrauchbaren Emissionen verringert wird. Und wenn es doch die Natur sein soll: Moore gehören zu den effektivsten CO2-Senken. Sie zu renaturieren hat eine schnelle Wirkung. Es gibt weltweit und auch in Deutschland Projekte in diesem Bereich, die sich über den Zertifikateverkauf finanzieren.

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