11.08.22 „Massiver Schub seit dem Frühjahr“ Interview mit Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

Carsten Körnig ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft. Er beobachtet eine steigende Nachfrage nach Photovoltaik und freut sich über die neuen ambitionierten Ausbauziele in Deutschland. 

Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft

Viele Menschen machen sich derzeit große Sorgen um die Energiesicherheit in Deutschland. Schlägt sich das auch in einer höheren Nachfrage nach Solarmodulen nieder? 

Schon vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gab es eine Tendenz, die eigenen vier Wände aufzuwerten und Gebäude energetisch zu sanieren. Das begann im Jahr 2019 und führte schon damals zu einem erstaunlichen Zuwachs bei der Nachfrage nach Solarmodulen für Eigenheime. Seit dem Frühjahr gibt es nun einen weiteren massiven Schub – durch die steigenden Energiepreise sowie die Debatten im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg. Wir haben dazu gerade eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Das Ergebnis: Jeder sechste Eigenheimbesitzer in Deutschland plant, in den nächsten zwölf Monaten eine Solaranlage zur Strom- oder Wärmeerzeugung zu errichten. Natürlich werden nicht alle diesen Plan in die Tat umsetzen. Aber die Umfrage zeigt, wie groß das Interesse momentan ist. 

Wie lange muss man im Moment warten, um Solarmodule und einen Termin beim Handwerker zu bekommen? 

Das ist von Region zu Region unterschiedlich. Es gibt einerseits Lieferengpässe bei den Solarmodulen und andererseits zu geringe Kapazitäten bei den Installationsbetrieben. Darum sind die Wartezeiten deutlich länger geworden: Man muss inzwischen schon suchen, um einen Betrieb zu finden, der noch dieses Jahr eine Solaranlage installieren kann. Es gibt aber auch eine positive Entwicklung: Nach den neuen Signalen der Bundesregierung interessieren sich nun immer mehr Handwerker für diesen Bereich und schicken ihre Mitarbeiter in eine Fortbildung. Und hier ist das Potenzial noch groß, denn erst rund ein Viertel der Elektro-Handwerksbetriebe installiert derzeit Photovoltaik-Anlagen. 

Es ist ja eine verlockende Vorstellung, sich mit einer eigenen Photovoltaik-Anlage unabhängig vom Stromnetz zu machen. Wäre das überhaupt möglich? 

Wir haben in Deutschland ein gut ausgebautes Stromnetz. Darum ist es nicht das Ziel unserer Branche, dass alle Menschen beim Strom vollständig autark werden. Ein höherer Grad an Selbstversorgung ist aber sinnvoll – auch weil das Thema Sektorenkopplung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Das heißt: Man nutzt die Photovoltaik-Anlage auch für den Betrieb einer Wärmepumpe oder zum Nachladen des eigenen Elektroautos. Das rechnet sich einerseits für den Besitzer der Anlage und kann andererseits dazu beitragen, dass wir unsere Stromnetze weniger stark ausbauen müssen. 

Mit Batterien kann man die selbst erzeugte Elektrizität zwischenspeichern. Wie weit verbreitet sind solche Lösungen heute schon? 

Der Einsatz von Heim- und Gewerbespeichern hat vor ungefähr zehn Jahren so richtig begonnen. Heute gibt es in Deutschland rund eine halbe Million dieser Batterien, und mehr als jede zweite neue Photovoltaik-Anlage wird inzwischen gemeinsam mit einem Speicher installiert. Das ermöglicht es den Betreibern, rund um die Uhr den eigenen Solarstrom zu nutzen. In der Regel werden sie so ausgelegt, dass man ein bis zwei Tage lang seinen Strombedarf decken kann. Die Preise haben sich auch hier erheblich nach unten entwickelt – ähnlich wie bei der Photovoltaik, wo sie in den letzten 15 Jahren um ungefähr 75 Prozent gesunken sind. 

Wie zufrieden sind Sie mit den politischen Rahmenbedingungen für die Photovoltaik in Deutschland? 

Zunächst einmal sind wir sehr froh darüber, dass die Menschen in Deutschland der Photovoltaik sehr aufgeschlossen gegenüberstehen. Umfragen zeigen regelmäßig, dass sie die beliebteste Energietechnik ist. Außerdem zeigt die hohe Nachfrage, dass Menschen aus allen Gesellschaftsschichten an dieser Art der Stromerzeugung interessiert sind. Auch die Politik unterstützt uns inzwischen parteiübergreifend. Die aktuellen Ausbauziele sehen ja vor, bis 2030 insgesamt 215 Gigawatt installierte Leistung zu erreichen – heute sind es 60 Gigawatt. Das wäre natürlich eine ganz andere Dimension und könnte dazu führen, dass die Photovoltaik in zehn Jahren rund 30 Prozent des Strombedarfs deckt. Heute sind es ungefähr zehn Prozent. 

Es gab – auch dank der staatlichen Förderung – in Deutschland einmal eine blühende Photovoltaik-Industrie. Heute ist die Branche weitgehend nach China abgewandert. Gibt es eine Chance auf eine Renaissance? 

Das ist eine sehr spannende Frage. Deutschland hat sich vor allem in den Nullerjahren energiepolitisch stark engagiert und ist wesentlich dafür verantwortlich, dass die Technik heute überhaupt so weit entwickelt ist. Das ist ein großes Verdienst – umso bedauerlicher war es darum, dass man vor ungefähr zehn Jahren ein bisschen Angst vor der eigenen Courage bekommen hat. Man hat in genau dem Moment auf die Bremse getreten, als China auf den Zug aufgesprungen ist. Dort hatte man erkannt, dass Solarenergie das Öl dieses Jahrtausends ist, und massiv in die Industrie investiert. Darum sind viele Unternehmen abgewandert oder in die Insolvenz gegangen. Ich bin aber optimistisch, dass wir wieder eine starke europäische Photovoltaik-Industrie bekommen können – wenn wir es politisch wirklich wollen. Durch die zunehmende Automatisierung sinkt der Anteil der Arbeitskosten, während die Transportkosten immer wichtiger werden. Die Rahmenbedingungen haben sich also zu unseren Gunsten verbessert, und die politische Sensibilität ist ebenfalls gewachsen. Auch wenn es immer eine internationale Arbeitsteilung geben wird: Eine eigene kontinentale Grundversorgung in diesem Bereich sollten wir entlang der gesamten Wertschöpfungskette anstreben. 

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