24.06.22 Wir wollen nicht zurück ins fossile Zeitalter Interview mit Holger Kreetz, COO Asset Management bei Uniper • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Holger Kreetz ist COO Asset Management bei Uniper. Er verantwortet den Bau des neuen LNG-Terminals in Wilhelmshaven. Im Interview erklärt er, wie der Import von Flüssiggas und der Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur dort parallel vorangetrieben werden. 

Herr Kreetz, als COO Asset Management von Uniper spielen Sie derzeit eine Schlüsselrolle für die künftige Energieversorgung in Deutschland. Was genau ist Ihre Aufgabe? 

Ich bin bei Uniper verantwortlich für die Entwicklung unserer europäischen Kraftwerksflotte sowie für alle Geschäfts- und Projektentwicklungen außer den erneuerbaren Energien. Deshalb kümmert sich mein Team auch um die Planung und den Bau des neuen LNG-Terminals in Wilhelmshaven. Der Krieg in der Ukraine hat uns allen vor Augen geführt, dass Deutschland seine Gasversorgung deutlich breiter und diversifizierter aufstellen muss. Ohne die Möglichkeit zum Import von Flüssiggas werden wir dieses Ziel nicht erreichen. Umso wichtiger ist es darum, die erforderliche Infrastruktur so schnell wie möglich aufzubauen.

Wie weit sind die Arbeiten am neuen LNG-Terminal in Wilhelmshaven schon gediehen? 

Anfang Mai hat die Niedersachsen Ports die erste „Rammung“ durchgeführt. Das ist die Grundsteinlegung für das Terminal, bei der Pfähle in den Meeresboden gestoßen werden. Später werden wir dort schwimmende Speicher- und Verdampfungsanlagen für Flüssigerdgas anlegen, sogenannte Floating Storage and Regasification Units (FSRU). An ihnen machen dann die LNG-Tanker fest, die das Flüssigerdgas nach Deutschland bringen. Die Rammung war für uns ein extrem wichtiger Schritt, weil damit nach sehr kurzer Vorbereitungszeit der erster Bauabschnitt eingeleitet werden konnte. 

Was steht als Nächstes an? 

Derzeit verlegt unser Partner Open Grid Europe (OGE) eine 28 Kilometer lange Gasleitung, die vom LNG-Terminal zu einem Gasknotenpunkt im niedersächsischen Etzel führen wird. Etzel ist einer der ganz großen Knotenpunkte für Erdgas in Deutschland. Von dort aus wird das Gas in Deutschland verteilt. Wenn alles gut geht, könnte die neue Leitung bis Ende dieses Jahres fertiggestellt werden. 

Und wann wird das erste Flüssigerdgas in Deutschland ankommen? 

Wir gehen davon aus, dass das erste Gas im ersten Quartal 2023 fließen kann. Das setzt aber voraus, dass viele Dinge schnell und reibungslos funktionieren – beispielsweise bei den Genehmigungen und beim Bau der neuen Infrastruktur. Sobald das neue Terminal in Wilhelmshaven voll funktionsfähig ist, können wir darüber jedes Jahr bis zu 7,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas importieren. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr betrugen die Erdgasimporte aus Russland rund 55 Milliarden Kubikmeter. 

Das Projekt ist ja in vielerlei Hinsicht anspruchsvoll. Welches sind die größten Herausforderungen, mit denen Sie konfrontiert sind? 

Der Zeitdruck ist sicherlich die größte Herausforderung. Um die Abläufe zu beschleunigen, läuft so viel wie möglich parallel, zum Beispiel bei den Genehmigungsprozessen – alle rechtlichen Vorgaben müssen natürlich eingehalten werden. Wir müssen aber auch beim Einkauf aufs Tempo drücken: Die Lieferanten von Rohren, Pfählen oder Pumpen liefern darum unter anderem aus ihren Lagerbeständen oder ziehen die Herstellung der von uns benötigten Komponenten vor. An jeder Stelle wird also maximal beschleunigt. Allerdings haben wir teilweise noch mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Die Lieferketten sind nach wie vor sehr angespannt. Das müssen wir bei unseren Planungen berücksichtigen. 

Kritiker sagen: In Wilhelmshaven wird eine fossile Infrastruktur aufgebaut, obwohl Deutschland doch den Umstieg auf erneuerbare Energien plant. Was sagen Sie dazu? 

Uniper unterstützt die Energiewende. Durch den Krieg in der Ukraine stehen kurzfristig aber die Versorgungssicherheit und die Unabhängigkeit von Russland im Mittelpunkt aller politischen Überlegungen – dabei soll die Energiewende jedoch nicht ins Hintertreffen geraten. Mit dem Aufbau der Flüssigerdgas-Infrastruktur in Wilhelmshaven wollen wir also nicht zurück ins fossile Zeitalter – ganz im Gegenteil: Die Geschwindigkeit der Transformation unseres Energiesystems dürfte als Folge der geopolitischen Krise sogar noch zunehmen. Uniper wird beispielsweise parallel zum LNG-Terminal den Aufbau einer neuen Wasserstoff-Infrastruktur in Wilhelmshaven beschleunigen. Unser „Green Wilhelmshaven“-Projekt hat das Ziel, 2030 mehr als 15 Prozent des deutschen Wasserstoff-Bedarfs zu decken. So können wir in den kommenden Jahren allmählich wieder aus dem Flüssigerdgas aussteigen und stattdessen den Einsatz von Wasserstoff hochfahren. Darum ist die neue Gasleitung von Wilhelmshaven nach Etzel auch „H2-ready“. 

Wie lange wird das LNG-Terminal in Wilhelmshaven in Betrieb sein? 

Das ist eine politische Entscheidung, weil Uniper nur der Betreiber der Anlage ist. Wie lange das Terminal für unsere Energieversorgung erforderlich ist, muss die deutsche Regierung festlegen. Wir als Unternehmen werden in Wilhelmshaven aber auf jeden Fall den Einsatz von Wasserstoff weiter forcieren. Dazu haben wir einerseits Verträge mit potenziellen Lieferanten in Nordafrika und dem Nahen Osten geschlossen. Andererseits reden wir auch mit Kunden über die langfristige Belieferung mit Wasserstoff durch Uniper. 

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