16.04.20 75 Prozent weniger tierische Produkte essen – das ist für jeden machbar" Interview mit Sophia Fahrland, Autorin • 4 min.

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Sophia Fahrland

Dass endlich mehr gegen die Erderwärmung getan werden muss, darüber ist sich in Europa inzwischen eine Mehrheit der Menschen einig. Aber viele plagt dieselbe Frage: „Was kann ich persönlich dazu beitragen, den Klimawandel einzudämmen?“ Eine deutliche Antwort gibt Sophia Fahrland in ihrem kürzlich bei Komplett-Media erschienen Buch "Klimaschutz fängt auf dem Teller an". Darin erklärt die Autorin in vielen bunten Grafiken, wie man sich heute ohne viel Aufwand klimafreundlicher ernähren kann. Sie bewertet Lebensmittel nach einem Ampelprinzip und erklärt die Zusammenhänge zwischen Anbau, Transport, Lagerung und Treibhausgas-Produktion.

Frau Fahrland, Sie sind als Tierrechts-Aktivistin aktiv und gehen unter anderem bei Fridays for Future und Extinction Rebellion auf die Straße. Wie sind Sie dazu gekommen, ein Buch über Ernährung und Klimaschutz zu schreiben?

Ich ernähre mich seit zwei Jahren vegan. Das war jedoch zuerst aus ethischen Gründen und hatte keinen Zusammenhang mit dem Klimawandel. Dann kam die Fridays for Future Bewegung nach Münster, wo ich lebe. Ich war ziemlich überwältigt, dass sich so viele Menschen für das Klima einsetzen und habe gedacht: „Wow, ich habe noch nie so viele vegane Menschen auf einem Haufen gesehen!“ Dann wurde mir jedoch schnell bewusst, dass dort durchaus nicht alle vegetarisch oder vegan leben. Ich habe daraufhin mit den Demonstranten*innen gesprochen und gemerkt, dass das Thema Ernährung in der Klimabewegung unterschätzt wird. Es fehlt einfach an Aufklärung. Darum habe ich mich entschlossen, ein Buch zu schreiben, in dem die Zusammenhänge zwischen unserer Ernährung und der Klimakrise verständlich gemacht werden.

Wie wichtig ist die Ernährung in dieser Hinsicht denn? Oder anders: Wo sollte das Thema auf einer Liste mit Dingen stehen, die wir in Sachen Klimaschutz tun sollten?

Wenn wir mal nur betrachten, was wir als Privatperson beitragen können, dann würde ich sagen auf Platz eins. Die Ernährung ist etwas, das jeder von uns von heute auf morgen umstellen kann, ohne große Investitionen zu tätigen. Danach kommt dann zum Beispiel der Flug-Verzicht, der Wechsel zu Ökostrom oder die Wahl einer nachhaltigen Bank. Das kann aber schon nicht jeder so einfach umsetzen.

Wie viel Einfluss hat die Ernährung wirklich aufs Klima?

Dazu gibt es mehrere Studien, die zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Eine sagt, die Tierindustrie ist für 51 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich, eine andere, es seien 14,5 Prozent, und wieder eine andere sagt 18 Prozent. Dabei kommt es darauf an, ob man Faktoren wie zum Beispiel den Methanausstoß der Tiere oder die Rodung von Regenwald zum Zwecke des Futtermittelanbaus mit einberechnet. Je nachdem kommt man auf ganz verschiedene Zahlen. Sicher ist aber, dass die Ernährung einen nennenswerten Einfluss hat.

"Wenn ich jetzt zum Beispiel nur noch Tiefkühlpommes, Avocados aus Chile und Papayas esse, dann ernähre ich mich zwar vegan, aber keineswegs klimafreundlich."

Was sind die wichtigsten Regeln des klimafreundlichen Essens?

Ich habe für das Buch eine neue Ernährungspyramide aufgestellt, die aus drei Stufen besteht. Die erste Stufe besagt, dass man möglichst pflanzenbasierte Lebensmittel kaufen sollte. Wenn ich das tue, bin ich schon mal auf dem richtigen Weg. Dann kann ich auf zweiter Ebene darauf achten, saisonal und regional einzukaufen. Und als letztes kommt dann der Faktor dazu, ob man bio oder konventionell einkauft – da lässt sich auch noch mal was einsparen. Natürlich ist das nicht zu hundert Prozent exakt. Wenn ich jetzt zum Beispiel nur noch Tiefkühlpommes, Avocados aus Chile und Papayas esse, dann ernähre ich mich zwar vegan, aber keineswegs klimafreundlich. Wenn man sicher gehen wollte, müsste man für jedes Produkt den genauen Wert recherchieren. Ich habe jedoch versucht, etwas zu entwickeln, das für den alltäglichen Gebrauch geeignet ist.

Wie sehr sehen Sie die Verantwortung beim einzelnen Bürger? Müsste nicht vor allem unsere Regierungen aktiv werden?

Man braucht beides. Wenn die Regierung - etwa die deutsche - Fleisch verbieten würde, dann würden sich die Menschen ihr Schnitzel irgendwie anders besorgen – auf dem Schwarzmarkt oder im Ausland. Man muss darum schon auch selbst begreifen, dass es wichtig ist, weniger Fleisch zu essen. Dennoch wünsche ich mir von der Regierung mehr Einsatz, denn wenn der Fleischkonsum innerhalb Deutschlands sinkt, aber die Produktionsmenge gleich bleibt, wächst einfach der Fleisch-Export. Es wäre zum Beispiel ganz einfach, die Steuern auf tierische Produkte zu erhöhen und die auf pflanzliche zu reduzieren – im Moment ist ja die normale Milch sehr viel preiswerter als die aus Hafer, das muss nicht so sein. Man könnte auch Tierbestände deckeln und zum Beispiel festlegen, dass ein Landwirt nur so viele Tiere besitzen darf, dass er die Gülle noch selbst verwerten kann. Noch sehe ich aber wenig gute Ansätze in der Politik. Frau Klöckner, unsere Landwirtschaftsministerin, sagte zum Beispiel erst neulich „Fleisch darf kein Luxus werden.“ Sie hat die Lage also noch nicht so ganz verstanden. Dabei ist die Landwirtschaft gerade der Sektor, der noch am wenigsten dazu beiträgt, dass wir unsere Klimaziele einhalten können. Da muss noch ganz schön viel passieren.

"Klimaschutz fängt auf dem Teller an": Sophia Fahrland

Was wäre demnach Ihre Forderung an die Menschen in Deutschland? Wie sehr sollten sie ihre Essgewohnheiten anpassen?

Das große Ziel ist: Wir müssen global viel weniger Nutztiere halten und das kann man nur, wenn viele Menschen sich entscheiden, vegetarisch oder vegan zu leben. Wenn man nur den Klimaaspekt betrachtet, müsste jeder Menschen seinen Konsum von tierischen Lebensmitteln um 75 Prozent reduzieren. Das ist für jeden machbar und kommt der Empfehlung der "Deutschen Gesellschaft für Ernährung“ nahe, die ebenfalls dazu rät, weniger Fleisch zu essen. Wenn das alle machen, kann das einen großen Impact haben.

Wie sehr leben Sie selbst nach Ihren Regeln?

Ich esse komplett pflanzlich, das passt also. Was den Faktor „saisonal und regional“ angeht, muss ich mich schon anstrengen, aber da gibt es auch ein paar Sachen, die ich grundsätzlich nicht kaufe – Avocados aus Chile zum Beispiel. Ich kaufe außerdem auch nicht immer bio – da arbeite ich noch dran.

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