28.10.22 „Objektiver kann man das nicht messen“ Interview mit Lucas von Reuss, CEO von Quant IP • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

Besonders nachhaltige Unternehmen lassen sich nach Ansicht von Lucas von Reuss objektiv identifizieren – mithilfe ihrer Patentportfolios. Mit dieser Methode haben der CEO von Quant IP und sein Team überraschende „grüne“ Champions entdeckt.

Eigentlich ist es doch eine feine Sache, Investitionen mithilfe von ESG-Ratings in die richtigen Unternehmen zu lenken. Was stört Sie daran?

Es gibt mehrere Konstruktionsfehler. Man bezieht sich bei den Indizes zum Beispiel darauf, wie sich ein Unternehmen in der Vergangenheit geschlagen hat. Man schafft es dadurch aber nicht, denjenigen Unternehmen Kapital zur Verfügung zu stellen, die den größten Hebel hätten, tatsächlich einen Unterschied zu machen. Das beste Beispiel ist die Stahlherstellung, die sehr viel Energie verbraucht und viele Treibhausgas-Emissionen verursacht. Wenn wir weiter Stahl produzieren wollen, müssen wir einen Weg finden, das ohne Emissionen zu tun. Das könnte thyssenkrupp leisten – wird aber durch das rückwärtsgerichtete ESG-Rating bestraft und kommt schlechter oder gar nicht an Kapital. Und genau dieses Kapital fehlt für den Übergang zu „grünem“ Stahl. Wer also am ehesten Geld bekommen müsste, wird durch die heutigen ESG-Ratings am stärksten bestraft.

Was wäre die Alternative zu den heutigen ESG-Ratings?

Ganz einfach: Man sollte nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft sehen – und beispielsweise das aktuelle Patentportfolio von thyssenkrupp analysieren. Dann würde man sehen, dass ein steigender Anteil der Patente des Unternehmens mit dem Thema „grüner Stahl“ zu tun hat. Darum kann thyssenkrupp die Transformation mit hoher Wahrscheinlichkeit schaffen, und das sollte man auch mit Kapital unterstützen. Heute wird das Unternehmen dafür bestraft, dass es in einer Branche tätig ist, die sehr hohe Emissionen verursacht. Hinzu kommt: Bei den heutigen ESG-Ratings herrscht keinerlei Einigkeit – das gleiche Unternehmen wird von den verschiedenen Ratingagenturen völlig unterschiedlich bewertet.

Sie wollen Unternehmen aufgrund ihrer Patentportfolios bewerten. Ist das objektiv möglich?

Wir stützen uns auf nichts, was wir uns aus den Fingern gesogen haben. Stattdessen stützen wir uns auf die Einschätzungen der höchsten Autorität, die es in der Patentwelt gibt – die Weltpatentorganisation WIPO. Sie ist die Dachorganisation aller Patentämter und dafür verantwortlich, die Klassifizierung von Patenten zu standardisieren. Auf der untersten Stufe gibt es 300.000 technische Klassen, sodass die Unterteilung sehr feingliedrig ist. Dieses bestehende und in Jahrzehnten aufgebaute Klassifizierungssystem nutzt die WIPO, um bestimmte Patenklassen als „grün“ zu kennzeichnen, wenn sie dazu beitragen, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen zu erreichen. Es gibt dort zum Beispiel Klassen für Solarthermie und Photovoltaik. Die Klassifizierung der Patente führen Patentprüfer bei den wichtigsten Patentämtern durch. Objektiver kann man das nicht messen.

Lucas von Reuss, CEO von Quant IP

Sie haben bereits das Beispiel thyssenkrupp genannt. Welche Unternehmen schneiden nach Ihrer Analyse noch besonders gut ab?

Viele Unternehmen, die heute noch das Problem darstellen, haben die besten Chancen, in Zukunft auch die Lösung zu sein. Darum schneiden bei uns deutsche Autohersteller und auch ein Ölunternehmen aus Saudi-Arabien sehr gut ab. Der Grund ist ganz einfach: Wenn die deutschen Autohersteller keine Lösung für emissionsfreie Mobilität entwickeln, werden sie in 10 oder 15 Jahren schlicht kein Business mehr haben. Und wenn der Ölkonzern Saudi Aramco keine Alternativen zum Verkauf von Öl findet, hat auch dieses Unternehmen in 30 oder 40 Jahren kein Geschäftsmodell mehr. Darum sehen wir gerade in den heute problematischen Bereichen die größten Bemühungen, die Probleme durch Innovationen anzugehen.

Sie haben einen alternativen Nachhaltigkeits-Index entwickelt. Wie sieht er aus?

Wir messen für jedes börsennotierte Unternehmen, wie viele „grüne“ Innovationen es hervorbringt – auch im Vergleich zu seinen Wettbewerbern. So können wir ein Ranking erzeugen, das den künftigen Beitrag eines Unternehmens zur Lösung unserer Probleme anzeigt. Auf dieser Basis können wir ein regelbasiertes System zu Auswahl von Aktien schaffen.

ESG steht ja nicht nur für Ökologie, sondern auch für Soziales und Good Governance. Das können Sie mit Patenten natürlich nicht messen. Halten Sie die beiden anderen Dimensionen für prinzipiell nicht messbar?

Ich halte sie schon für messbar, auch wenn sie wesentlich schwieriger objektivierbar sind als Patentanmeldungen. Unsere Gespräche mit möglichen Partnern über ein investierbares Finanzprodukt zeigen, dass Leute, die sich für unser Konzept interessieren, auch die anderen beiden Dimensionen von Nachhaltigkeit berücksichtigen wollen. Und das Gute an unserem Ansatz ist ja, dass er sich auf jedes Universum von Aktien anwenden lässt – ganz ohne SG-Kriterien oder mit schwachen beziehungsweise scharfen SG-Kriterien. Denn innerhalb der getroffenen Vorauswahl können wir die „grünen“ Innovationsführer identifizieren.

Wie groß ist das Interesse der Finanzwelt an Ihrem alternativen Konzept?

Es ist groß, denn die konzeptionellen Schwächen der heute gängigen Methoden werden jetzt offensichtlich. Für die Finanzbranche ist es heute sehr schwierig, vernünftige Produkte anzubieten, wenn in den entwickelten Ländern nur zehn bis zwölf Prozent aller Unternehmen überhaupt ein umfassendes ESG-Reporting durchführen. Nur ein sehr geringer Teil ist bereit oder in der Lage, die Informationen zur Verfügung zu stellen, die ein ESG-Ratinganbieter braucht. Das ist unfassbar aufwendig und teuer. Gleichzeitig fordert aber die Regulierung, dass man solche Ratings vorweisen kann. Vielen Investoren wird gerade klar, dass das das aktuelle Prinzip nicht funktioniert – und dass dadurch auch die Nachhaltigkeitsziele nicht erreicht werden. Unser Ansatz ist deutlich einfacher: Alle Daten sind schon in einer öffentlichen Datenbank vorhanden und müssen nicht aufwendig von den Unternehmen erhoben werden.

Verspricht Ihr Ansatz auch höhere Renditen für Investoren?

Dafür wurde er nicht entwickelt. Wir können aber mit Daten aus der Vergangenheit Portfolios nach unserem Ansatz mit einem breit gestreuten Index-Investment vergleichen. Und diese Vergleiche zeigen, dass man mit unseren Portfolios tendenziell eine höhere Rendite erreicht hätte. Intuitiv ist ja auch klar, dass die bei uns höher gewichteten Unternehmen dank ihrer Zukunftsinvestitionen langfristig erfolgreicher sein dürften als ihre Wettbewerber.

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