04.08.20 „Ohne Skepsis keine Innovation“ Nicholas Capaldi • 7 min.

Scroll to Read
Interview mir Nicholas Capaldi, WIrtschaftsethiker

Die Klima- und Energiepolitik eines Landes hängt eng mit der jeweiligen Politik-, Sozial- und Geistesgeschichte zusammen. Um Einblicke in diese Zusammenhänge und andere Themen zu gewinnen, sprach Debate.Energy mit Nicholas Capaldi, Professor für Wirtschaftsethik an der Loyola University New Orleans.

Haben Unternehmen und Länder eine ethische Verantwortung gegenüber dem Planeten?

Unternehmen sind rechtlich verpflichtet, sich an die Umweltgesetze der Länder, in denen sie aktiv sind, zu halten. Darüber hinaus zu gehen und noch mehr für die Umwelt zu tun, ist eine sicherlich lobenswerte Entscheidung, die aber jedes Unternehmen für sich selbst trifft. Kein Unternehmen ist ethisch dazu verpflichtet. Was die Länder betrifft: Wenn ein Land Umweltschäden verursacht, die zulasten anderer Länder gehen, können diese versuchen, durch Verhandlungen Einfluss zu nehmen und idealerweise für Abhilfe zu sorgen. Oder sie verhängen Sanktionen. Das mag viele nicht befriedigen. Aber es gibt nun mal keine Weltregierung – die, nebenbei bemerkt, angesichts der Vielfalt der Regionen und Völker ohnehin kaum handlungsfähig wäre. Also bleiben uns nur die einzelnen Länder oder supranationale Gebilde wie die EU, die Umwelt- und Klimagesetze verabschieden und deren Einhaltung durch die Unternehmen überwachen.

Was sind die geistesgeschichtlichen Ursprünge der Klimabewegung?

Zweifelsfrei die Umweltbewegung der 1960er und 1970er Jahre. Im Jahr 1970 war zum ersten Mal Tag der Erde, Greenpeace wurde 1971 gegründet. Zu den einflussreichen Büchern dieser Zeit gehören „Silent Spring“ von Rachel Carson (1962) und „Small is Beautiful“ von E. F. Schumacher (1973). Aber die Klimabewegung – so jedenfalls meine Vermutung – hat auch kulturgeschichtliche und sogar psychologische Ursprünge. Der britische Historiker Eric Hobsbawm behauptete zu Recht, dass mit dem Übergang zur Weltwirtschaft gemeinschaftsstiftende Traditionen ihre Überzeugungskraft eingebüßt haben. Es begann die Suche nach einem neuen Gemeinwohl. Viele Menschen fanden dieses Gemeinwohl im Klimaschutz. Zudem wich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Angst vor der atomaren Vernichtung. Darauf folgte ein neues Weltuntergangsszenario: der irreversible Klimawandel. Das ist vermutlich kein Zufall.

Die technologische und industrielle Entwicklung dient in Ihren Augen dem Wohle der Menschheit. Was sagen Sie Kritikern, die meinen, die fortschreitende Weiterentwicklung und Ausweitung moderner Technologien sei unter dem Strich für die Menschen und den Planeten insgesamt schädlich?

1997 machte der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Julian Simon eine Langzeitprognose: „Für die meisten Menschen in den meisten Ländern werden sich die materiellen Lebensbedingungen weiter verbessern, und das auf unbestimmte Zeit... Ich vermute aber auch, dass viele Menschen weiterhin denken und sagen werden, dass sich die Lebensbedingungen verschlechtern.“ In beiden Punkten hat er meines Erachtens nach wie vor Recht. Durch die Entwicklung moderner Technologien wurde die Kindersterblichkeit drastisch gesenkt. Mehreren Hundert Millionen Menschen wurde aus der Armut geholfen. 3,2 Milliarden Menschen benutzen eine Erfindung, deren Möglichkeiten noch vor 25 Jahren nicht einmal den reichsten Menschen zur Verfügung standen – ich spreche vom Mobiltelefon. Ich habe keinen Zweifel daran, dass durch die stetige technologische Weiterentwicklung auch weiterhin die Lebensqualität weltweit verbessert wird. Meiner Ansicht nach sahen Locke, Hegel und viele andere Denker ebendarin die geistige Aufgabe der Moderne. Es geht hierbei keineswegs nur um Konsum, sondern in erster Linie darum, Freiräume zu schaffen, um sich selbst zu verwirklichen. Doch wie Simon vorhergesagt hat: Einige werden den menschlichen Fortschritt weiterhin als Niedergang verschreien, ohne uns zu erklären, wie eine Welt ohne technologische Weiterentwicklung aussehen soll.

Wenn es um Klimapolitik geht, haben Europa und die USA ganz verschiedene Ansätze. Warum?

Dafür gibt es viele Gründe. Vor allem historische: In der Amerikanischen Revolution wurde die Kolonialherrschaft – und dies ist ganz entscheidend – durch ein föderales System ersetzt, in dem die einzelnen Bundesstaaten in hohem Maße autonom und identitätsstiftend sind. Sprach Thomas Jefferson von seinem „Land,“ meinte er damit Virginia, nicht die Vereinigten Staaten. Gleichermaßen sind viele heutige Kalifornier stolz darauf, dass die Klimapolitik ihres Bundesstaats viel ambitionierter ist als die der Trump-Administration. In der Französischen Revolution hingegen wurde ein Zentralstaat durch einen anderen ersetzt. Die Zentralisierung der politischen Macht, ein rationalistisches Rechtssystem (der Codex Iustinianus, der Code civil) und eine lange Tradition der Steuerung des Sozial- und Wirtschaftslebens haben die politische Entwicklung Europas entscheidend geprägt und somit auch zu einem anderen Ansatz in der Klimapolitik geführt. Ein Ergebnis dieser historischen Unterschiede ist, dass beispielsweise die Klimapolitik Kaliforniens weitgehend in Sacramento beschlossen wird, nicht in Washington DC, die Klimapolitik etwa Bayerns dagegen weitgehend in Berlin und Brüssel, nicht in München.

Welche Grundsätze sollten die Klimapolitik Ihrer Meinung nach bestimmen?

In einem Interview auf Ihrer Plattform wies Marcella Corsi darauf hin, dass die Energiewende in Europa ein zentral gesteuertes Top-Down Projekt ist. Sie warb stattdessen für eine Energiewende als Basisprojekt, in dem sich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten einbringen können. Sie hat Recht. Der Schwerpunkt sollte sich von zentralen Ansätzen auf die Verantwortung des einzelnen Verbrauchers verlagern. Durch Millionen von individuellen Kauf- und Lifestyle-Entscheidungen wird insgesamt viel mehr bewegt als durch ehrgeizig klingende Fahrpläne zur Klimaneutralität. Fußen muss die Klimapolitik zudem immer auf echter Wissenschaft, nicht auf Ideologie. Offenbar sind heute 97 Prozent aller Wissenschaftler davon überzeugt, dass die Erderwärmung Tatsache ist und durch Menschen verursacht wird. Vermutlich hielt seinerzeit auch eine überwiegende Mehrheit von Physikern die Newton’sche Mechanik für erwiesen – bis Einstein auftrat. Ich will damit keineswegs sagen, dass die 97 Prozent bereits heute nachweislich falsch liegen. Ich sage nur: Die Wissenschaftsgeschichte lehrt uns, dass das, worüber heute Konsens herrscht, sich künftig als nur teilweise richtig erweisen wird. In allen Wissenschaften – ja, in allen Lebensbereichen – gilt: Ohne ein gesundes Maß an Skepsis gegenüber dem vorherrschenden Konsens gibt es keine Innovation. Die Klimawissenschaft darf da keine Ausnahme sein.


Zur Person

Nicholas Capaldi ist Professor für Wirtschaftsethik an der Loyola University New Orleans. Er ist außerdem Präsident des Global Corporate Governance Institute (gcg-csr.org). Sein jüngstes Buch ist „The Anglo-American Conception of the Rule of Law“ (London: Palgrave McMillan, 2019). Bald erscheint sein neuester Artikel: „CSR in the U.S./UK vs. CSR in the EU and Asia.“

Haftungsausschluss

Die Inhalte dieser Website werden mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Uniper SE übernimmt jedoch keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Inhalte. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung von Uniper SE wieder.

Verwandte Themen

Atomkraft, Atomkraftwerk
Energie • Wirtschaft • Innovation Atomkraft: Strahlendes Comeback? Thomas Schmidt • 8 min.
Energie • Wirtschaft Gibt es das stabile Netz auch in grün? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.
Energie • Klima Emissionshandel: CO2 einsparen, wo es am günstigen ist Hans-Joachim Ziegler • 6 min.
Energie • Innovation Der Wasserstoff, aus dem die Klimawende ist Hans-Joachim Ziegler • 7 min.
Energie • Klima • Wirtschaft Emissionen einfach ungeschehen machen – geht das? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.
Energie • Innovation • Wissenschaft Der Visionär des Wasserstoffs Dariush Jones • 6 min.
Energie • Gesellschaft • Klima Das grüne Jahrhundert Dariush Jones • 5 min.
Lenin auf einer Briefmarke.
Energie • Gesellschaft • Wirtschaft Russland überholt seine fossilen Kraftwerke Dariush Jones • 6 min.
Energie • Gesellschaft • Innovation Mit „grünem Kerosin“ gegen die Flugscham Thomas Schmidt • 4 min.
Energie • Innovation Wasserstoff: So lässt sich Strom speichern Thomas Schmidt • 3 min.
Energie • Event Best-Of zum Nachhören: Das war die erste internationale Debate.Energy-Konferenz in Berlin Jochen Brenner • 15 min.
Energie • Gesellschaft „Corona bringt Entwicklungen, die wir erst in einigen Jahren erwartet hatten“ Hannah Meisters • 4 min.
Energie • Innovation „Grüner kann Wasserstoff gar nicht sein.“ Hans-Joachim Ziegler • 6 min.
Energie • Meinungen Ist die Energiewende ein Krimi, Thomas Unnerstall? Jochen Brenner • 15 min.
Energie • Klima #Anthropause: Sind die Delphine wirklich zurück? Hans-Joachim Ziegler • 7 min.
Energie • Klima • Politik • Wirtschaft Gas ist der ideale Wegbereiter für den Erfolg der Energiewende Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender Uniper SE • 6 min.
Joe Biden
Energie • Gesellschaft • Klima • Politik Joe Bidens Klimastrategie: Beschäftigung, Arbeiter, Gewerkschaften. Und ja, auch saubere Energie Dariush Jones • 6 min.
Energie • Innovation • Wirtschaft Energieeffizienz ohne Leckerlis Thomas Schmidt • 7 min.
Donald Trump
Energie • Gesellschaft • Politik • Klima Trumps Klimastrategie: “Ein goldenes Zeitalter der Energiedominanz” Dariush Jones • 7 min.
Bremst der Coronavirus die Energiewende aus?
Energie • Klima • Gesellschaft Chance oder Todesstoß? Was Corona für die Energiewende bedeutet Hans-Joachim Ziegler • 9 min.
Energie • Innovation • Klima Podcast: "Städte spielen eine zentrale Rolle für die Energiewende" Jochen Brenner • 30 min.
Wasserstoff: Energieträger der Zukunft
Energie • Klima • Meinungen Wasserstoff – Jules Vernes Vision wird Realität Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender Uniper SE • 7 min.
Energie • Innovation Nach der Energiewende ist vor der Energiewende – der lange Atem der Fusionsforschung Hans-Joachim Ziegler • 4 min.
Energie • Wirtschaft • Wissenschaft Über Sinn und Unsinn der Brennstoffzellen-Technologie Hans-Joachim Ziegler • 8 min.
Folgen Sie uns auf Social Media
Folgen Sie uns
auf Social Media