28.10.22 „Rating ist Macht“ Interview mit Dr. Andreas Beck, Gründer und CEO der Index Capital GmbH • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

ESG-Ratings bringen nichts – weder der Umwelt noch den Investoren. Das sagt der Mathematiker und Vermögensverwalter Dr. Andreas Beck. Im Interview erklärt er, wer wirklich vom Thema ESG profitiert und wie man Kapital sinnvoller in die richtigen Unternehmen lenken könnte.

Welche Rolle spielen ESG-Kriterien bei Ihrer Arbeit als Portfolio-Manager?

Eine große Rolle, weil die institutionellen Investoren mehr oder weniger gezwungen sind, Nachhaltigkeit in ihren Portfolios zu implementieren. Und bei Privatanlegern ist es seit August auch Pflicht, dass ihnen in der Beratung nachhaltige Portfolios angeboten werden.

Dr. Andreas Beck, Gründer und CEO der Index Capital GmbH

Nehmen wir an, es gäbe diese Verpflichtungen nicht. Würden Sie dann auch freiwillig und aus innerer Überzeugung auf ESG-Gesichtspunkte achten?

Mir ist die Welt auch wichtig. Und natürlich möchte ich, dass wir nachhaltiger leben und weniger Müll produzieren. Aber ich halte den Ansatz, das über das Portfoliomanagement erreichen zu wollen, für vollkommen verfehlt.

Was genau stört Sie am ESG-Ansatz?

Es gibt drei Kritiken, die ich unterscheiden würde. Erstens: Ziel von UN und EU ist es ja, die Wirtschaft mit Kapital zu versorgen, damit sie den Umbau in Richtung Nachhaltigkeit schafft. Das war die Grundidee des nachhaltigen Investierens. Und was ist daraus geworden? Ein Oligopol an Ratingagenturen. Das ist ein bürokratischer Wasserkopf, der Investoren und Unternehmen enorm belastet. Und die ESG-Ratings messen auch nicht, ob das Ziel des nachhaltigen Investierens – der Umbau der Wirtschaft – erreicht wird. Stattdessen messen sie einfach die Vergangenheit. Gefördert werden dadurch Start-ups oder IT- und Plattformunternehmen, die gar keinen Grund für einen Umbau haben. Das sieht man gut an der Automobilindustrie: Wenn man sich die großen Ratingagenturen anschaut, insbesondere MSCI, dann besteht die weltweite Automobilindustrie nur aus Tesla. Aber das ist eine Themaverfehlung, denn eigentlich soll das Geld ja zu Unternehmen fließen, die einen Umbau finanzieren müssen. Darunter leiden insbesondere Industrienationen wie Deutschland und Japan.

Was ist Ihr zweiter Kritikpunkt?

Wir setzen einen Fehlanreiz. Stellen Sie sich vor, Sie verantworten ein Unternehmen. Jetzt kommen die Wirtschaftsprüfer oder Consultants und beraten Sie, was Sie tun müssen, um ein besseres ESG-Rating zu bekommen. Dann heißt es: Dieser und jener Geschäftsbereich stört. Und was wird dann gemacht? Der wird natürlich nicht geschlossen, sondern verkauft. Das sehen wir gerade überall: Unternehmen spalten problematische Bereiche ab und verkaufen sie an unregulierte Investoren. Sie gehen dann unter Wert an Offshore-Firmen auf den Bahamas oder sonst wo. Die Geschäftsbereiche landen bei Private-Equity-Fonds oder direkt bei Privatpersonen. Dort sind sie viel weniger reguliert als im öffentlichen Bereich börsennotierter Unternehmen.

Und der dritte Kritikpunkt?

Ratingagenturen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Rating heißt Macht – und zwar weder rechtlich noch demokratisch legitimiert. Ich erinnere an die Finanzkrise, wo die Ratingagenturen Schrottpapiere mit AAA – der höchsten Kategorie – bewertet haben. Das hat zu einem enormen Schaden geführt. Trotzdem sind die Ratingagenturen ohne spürbare Strafen daraus hervorgegangen. Ihr Argument: Wir sind Presse, wir sind Verlage, das ist Meinungsfreiheit und keine Anlageberatung. Bei Kredit-Ratings ist es zumindest so, dass es ein disziplinierendes Element gibt. Denn im Nachhinein weiß man immer, ob es gestimmt hat oder nicht. Die Nachhaltigkeits-Ratings haben hingegen keinerlei Korrektiv. Jeder kann bewerten, wie er möchte. Darum korrelieren die großen ESG-Ratings auch kaum miteinander. Und am Ende kann nicht mal jemand zur Rechenschaft gezogen werden.

Sie sagen: Rating ist Macht. Wer nutzt diese Macht für sich aus?

Sie wird genutzt für die Renditemaximierung der Ratingagenturen. Da wird mit knallharten Bandagen gekämpft. Außerdem sind die ESG-Ratings eine Gelddruckmaschine für eine neue Bürokratieblase.

Lässt sich ESG aus Ihrer Sicht überhaupt messen?

Nein. Und die Ratings sind genau deshalb auch so unterschiedlich. Weder die drei Kategorien E, S und G noch deren Gewichtung in einem Index lassen sich sauber messen. Ein Großteil der Daten wird darum geschätzt. Und wer mehr Geld für Berater ausgibt, der bekommt das bessere Rating. Kleine und mittlere Unternehmen haben tendenziell schlechtere Ratings als große Unternehmen, weil sie sich diesen bürokratischen Aufwand einfach nicht leisten können.

Betrachten wir ESG-Fonds aus Investorensicht. Wie sieht es mit Renditen und Risiken aus?

Die Portfolios können nicht besser werden. Denn durch die ESG-Ratings werden Unternehmen aussortiert: Von den rund 1.600 Unternehmen im Index MSCI World bleiben am Ende 350 oder 400 übrig. Und als Portfolio-Manager muss ich mich auf diese Auswahl beschränken. Das kann grundsätzlich erst mal kein Vorteil sein – es sei denn, über das ESG-Rating käme eine zusätzliche Information hinzu, die performancerelevant ist. Das ist aus meiner Sicht allerdings nicht erkennbar.

Haben Sie eine bessere Idee, wie man nachhaltig investieren und Kapital in die richtigen Unternehmen lenken könnte?

Das Einzige, was die Menschheit bis jetzt vorangebracht hat, sind Innovationen. Darum habe ich mich mit dem Datenbankanalysten Lucas von Reuss von Quant IP zusammengetan, um diejenigen Unternehmen zu finden, die die hochwertigsten „grünen“ Patente in ihrer Pipeline haben. Denn die Patente stehen für konkrete Innovationen. Sie entscheiden, ob wir die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit schaffen werden. Das Gute daran: Die Patent-Pipeline kann man objektiv messen und die Patentdatenbanken sind international hochwertig gepflegt. Es entsteht kein zusätzlicher Bürokratieaufwand für die Unternehmen.

Stellen Sie ein Umdenken beim Thema ESG-Investments fest?

Die Investoren haben auf jeden Fall erkannt, dass das der falsche Weg ist. Die Skepsis wird darum immer größer. Aber das Oligopol von Ratingagenturen hat sehr geschickt gearbeitet und seine Ratings mit Macht in den Markt gedrückt. Und die Agenturen verdienen prächtig daran: Wer als Bank oder Asset-Manager deren ESG-Ratings verwenden möchte, muss dafür Millionen Gebühren zahlen. Ein mittelgroßer Asset-Manager kommt auf etwa zwei Millionen Euro pro Jahr – wenn er einen Zehn-Jahres-Vertrag abschließt. Und laut einer Untersuchung von UBS kassiert eine einzige Firma allein 40 Prozent aller Lizenz-Erlöse: MSCI.

Was sagen die Lizenznehmer dazu?

Egal, mit wem man spricht: Man hört starke Kritik, gerade auch innerhalb der Banken und der Asset-Management-Industrie. Aber kaum einer traut sich, diese Kritik öffentlich zu äußern. Denn das klingt ja so, als wäre man gegen Nachhaltigkeit. Was aber gar nicht stimmt. Ganz im Gegenteil: Weil man für Nachhaltigkeit ist, ist man gegen die ESG-Thematik, so wie sie jetzt umgesetzt wird.

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