12.11.21 Reduktion des Wärmebedarfs und Wechsel des Energieträgers“ Interview mit Sebastian Herkel • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Wärmepumpen werden eine zentrale Rolle spielen, um die Energiewende im Gebäudebereich zu meistern  – vor allem als Ersatz für alte Ölheizungen. Sebastian Herkel, Experte für energieeffiziente Gebäude am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg, fordert im Interview aber auch mehr Ehrlichkeit über die Kosten der Umstellung und eine sozialverträgliche Lastenverteilung.

Laut Klimaschutzgesetz muss der Gebäudesektor bis 2030 seinen Treibhausgasausstoß um etwa 44  Prozent verringern. Wo stehen wir heute? Und welches Potenzial gibt es?

Sebastian Herkel, Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE

Das Sektorziel für den Gebäudebereich ist klar verfehlt worden. Man muss aber auch sehen, dass die Energiewende hier besonders schwierig ist. Denn man hat es hier mit sehr vielen Akteuren zu tun  – ich meine damit die ungefähr zehn Millionen Hausbesitzer in Deutschland, mit denen gemeinsam wir den Umstieg auf klimaneutrales Heizen hinbekommen müssen und die alle sehr unterschiedlich sind. Es gibt zum Beispiel die privaten Hauseigentümer, Wohnungsgenossenschaften und die Wohnungsbaugesellschaften. Technologisch gibt es viele Optionen, um die Wärmewende zu schaffen. Denken Sie nur an die ersten Passivhäuser, die schon vor fast 30  Jahren gebaut wurden. Es stellt sich bei allen Optionen aber immer auch die Frage nach der Bezahlbarkeit und der Investitionsbereitschaft.

Was sollte man aus Ihrer Sicht tun, um weiter voranzukommen?

Sebastian Herkel, Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE

Sicher ist, dass wir den Energiebedarf weiter senken müssen, etwa durch Sanierung des Gebäudebestandes. Neben der Reduktion des Wärmebedarfs geht es aber auch um einen Wechsel des Energieträgers, weg von den fossilen Brennstoffen. Eine der spannendsten Technologien ist hier die Wärmepumpe, weil sie aus einem Teil Strom im Mittel drei Teile Wärme erzeugen kann. Die Energie stammt aus der Umwelt, also aus dem Erdreich oder – immer häufiger  – aus der Umgebungsluft. Wir selbst haben solche Anlagen in den letzten Jahren messtechnisch begleitet und können darum sagen, dass die Technik sowohl im Neubau als auch in Bestandgebäuden gut funktioniert. Sie werden aus meiner Sicht einen wichtigen Beitrag zur Energiewende im Gebäudebereich leisten. Sinnvoll ist aber auch die Nutzung von Fernwärme, vor allem in dichteren urbanen Gebieten  – insbesondere wenn man hier auf erneuerbare Energien und Großwärmepumpen umstellen kann.

Ist die Wärmepumpe also das Mittel der Wahl im Gebäudebereich?

Ja, das ist so  – wenn ihr Einsatz im speziellen Fall auch kostenoptimal ist. Vor allem als Ersatz für alte Ölkessel wird die Wärmepumpe eine zentrale Rolle spielen. Wenn hingegen in einem Gebiet eine frisch aufgebaute Gasinfrastruktur mit modernen Heizkesseln in den Häusern vorhanden ist, wird man das nicht sofort umstellen. Es wird also einen Mix geben. Gerade mittelgroße Städte mit 100.000 bis 200.000 Einwohnern sollten darum eine kommunale Wärmeplanung durchführen und dann entscheiden, in welchen Teilen der Stadt welche Infrastruktur aufgebaut werden soll. Für den Einsatz von Wärmepumpen muss man eventuell das elektrische Netz verstärken. Oder es gibt vielleicht eine bereits bestehende Wasserstoffinfrastruktur – etwa für einen Industriebetrieb  –, die sich nach entsprechenden Investitionen in die vorhandene Gasi-Infrastruktur auch für umliegende Gebäude nutzen ließe.

Wenn man den Wärmebereich elektrifiziert, steigt der Strombedarf. Reichen die erneuerbaren Energien überhaupt aus, um ihn zu decken?

Der Strombedarf wird steigen, das ist unstrittig. Darum müssen wir die erneuerbaren Energien weiter ausbauen, insbesondere die Windenergie, die im Winter deutlich mehr liefert als Photovoltaik. Auch der Ausbau der Photovoltaik kann – gerade in Verbindung mit Speichern  – einen wichtigen Beitrag leisten. Neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien benötigen wir aber auch einen Ausbau der Transportnetze zwischen dem windreichen Norden und den windarmen Gebieten im Süden. Hier stellt sich dann die Frage, mit welchem Energieträger wir die Energie transportieren wollen. Neben Strom bietet sich dafür auch Gas aus erneuerbaren Energien an, für das man die bestehende Erdgas-Infrastruktur nutzen könnte. Es ließe sich dann vor Ort in Gaskraftwerken wieder in Strom verwandeln. Allerdings ist hier der Wirkungsgrad deutlich schlechter als beim reinen Stromtransport vom Norden in den Süden. Man müsste in diesem Fall also die Gesamtmenge der erzeugten erneuerbaren Energien deutlich erhöhen.

Das sind viele offene Fragen. Ist es überhaupt noch zu schaffen, bis 2045 im Gebäudebereich klimaneutral zu sein?

Sebastian Herkel, Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE

Technisch-ökonomisch sind die Klimaziele auch im Gebäudebereich zu erreichen. Spannender ist derzeit die Frage, welchen politischen Wegen man dafür einschlagen will. Schon die alte Bundesregierung hat ja die entsprechenden Mittel der KfW und BAFA erheblich aufgestockt, und diese Förderprogramme werden stark nachgefragt. Die Bevölkerung scheint also grundsätzlich bereit zu sein, diesen Weg mitzugehen. Allerdings gibt es in diesem Bereich noch ein großes Dickicht an Fördermaßnahmen und Verordnungen, die ineinander greifen. Hier steht sicher eine gewisse Vereinfachung an, zum Beispiel beim Gebäudeenergiegesetz, das unter anderem die Anforderungen an Neubauten regelt.

Viele Mieter haben Angst vor steigenden Kosten. Wie kann man die Wärmewende sozialverträglich gestalten?

Meine Empfehlung lautet: Im ersten Schritt sollte man sich ehrlich machen und den Menschen sagen, dass die Energiewende nicht umsonst zu haben ist. Sie wird Geld kosten, und es ist eine politische Frage, wie man die Lasten sozialverträglich verteilen will. Ein sehr effektives Mittel sind CO2-Preise, die man aber sozial begleiten muss. Allerdings setzen solche marktwirtschaftlichen Elemente voraus, dass es tatsächlich einen Markt gibt. Wenn ich mir aber die angespannte Wohnungslage in Deutschland ansehe, ist das in den meisten Regionen nicht der Fall. Das bedeutet: Wer wegen steigender Warmmieten umziehen möchte, hat oft überhaupt keine Chance, eine andere Wohnung zu finden. Es ergibt aber auch keinen Sinn, deswegen die Mieten zu deckeln. Vielmehr muss man diejenigen adressieren, die die Hoheit über die Investitionen haben, also in der Regel die Vermieter. Das kann beispielsweise über großzügige staatliche Förderungen geschehen, sodass die Hausbesitzer die Kosten nicht an die Mieter weitergeben müssen. Wenn man das über Steuern finanziert, ist es auch sozial gerecht  – weil diejenigen mehr dazu beitragen, die leistungsfähiger sind.

Wo sonst sind noch Änderungen an den politischen Rahmenbedingungen nötig?

Der Gesetzesrahmen stammt noch weitgehend aus den 1970er-Jahren und ist vom Ölpreisschock und einem Mangel an Ressourcen geprägt. Darum bezieht er sich vor allem auf den Primärenergieverbrauch. Als Leitgröße sollte er stattdessen konsequent auf die CO2-Emissionen über den Lebenszyklus setzen. Zudem liegen den Berechnungen für die Bewertung der verschiedenen Energieträger derzeit die Zahlen von 2016 zugrunde. Das bedeutet: Strombasierte Lösungen sind beispielsweise gegenüber Gasheizungen benachteiligt, weil der Strommix 2016 noch einen relativ großen Anteil fossiler Energien beinhaltet hat. Dadurch gibt es noch immer Anreize für den Einbau einer Gasheizung. Das ist zwar sehr technisch-juristisch, hat aber in der Praxis große Auswirkungen.

Sebastian Herkel, Experte für energieeffiziente Gebäude am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg

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