21.02.22 Selbstmord aus Angst vor dem Untergang“ Interview mit Prof. Fritz Vahrenholt • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

Prof. Fritz Vahrenholt ist einer der schärfsten Kritiker der deutschen Energiewende. Der promovierte Chemiker war Hamburger Umweltsenator (SPD) und Top-Manager bei Shell, REpower Systems und RWE Innogy. Vahrenholt fürchtet massive wirtschaftliche Nachteile durch steigende Energiepreise.

Prof. Fritz Vahrenholt

Herr Vahrenholt, Sie werden oft als Klimaleugner bezeichnet. Bestreiten Sie, dass es einen Klimawandel gibt?

Nein, für mich steht fest, dass die Erde seit etwa 150 Jahren wärmer geworden ist. Daran hat der Mensch einen wesentlichen Anteil, weil er CO2 in die Atmosphäre ausstößt. Das ist völlig unbestritten. Die Frage lautet aber: Wie groß ist dieser Anteil? Denn bereits in der Vergangenheit, also vor der Industrialisierung, gab es Temperaturschwankungen in ähnlicher Größenordnung – denken Sie etwa an die mittelalterliche Warmzeit vor etwa 1.000 Jahren. Der „Weltklimarat“ IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) sagt aber: 100 Prozent der Erwärmung ist menschengemacht, der Einfluss der Natur ist nahe null. Meine Forschungen zeigen hingegen, dass in den letzten 20 Jahren ein wesentlicher Beitrag der Erwärmung vom Rückgang der Wolken geprägt ist.

Wie bedrohlich ist aus Ihrer Sicht der Anstieg des Kohlendioxids in der Atmosphäre?

Was die Auswirkungen des CO2 betrifft, zeigt auch der Weltklimarat eine große Unsicherheit: Nach seinen Berechnungen führt eine Verdoppelung des Kohlendioxids von 280 ppm (parts per million) im Jahr 1860 auf 560 ppm (heute haben wir 420 ppm) in der Atmosphäre zu einem Temperaturanstieg zwischen 2,5 und 4 Grad Celsius. Das ist eine sehr breite Spanne. Meine Einschätzung dieser „Klimasensitivität“ liegt eher am unteren Ende.

Wäre es nicht sinnvoll, auf Nummer sicher zu gehen und den schlimmsten Fall anzunehmen?

Das ist natürlich eine legitime Position. Wir könnten tatsächlich unsere gesamten Finanzen und industriellen Ressourcen darauf konzentrieren, den höchst unwahrscheinlichen Fall einer Temperaturerhöhung von 4,4 Grad bis 2100 zu vermeiden – das ist das pessimistischste Szenario des IPCC. Dann haben wir aber beispielsweise keine Mittel mehr übrig für die Verbesserung der weltweiten Wasser- und Gesundheitsversorgung oder des Lebensstandards in den Entwicklungsländern. Und wir zerstören unseren eigenen Wohlstand. Schon jetzt werden aus Deutschland Arbeitsplätze verlagert, weil uns die Strompreise um die Ohren fliegen. Das ist eindeutig eine Folge der europäischen und deutschen Energiewende. Der Ausstieg aus Kernkraft, Kohle und demnächst Öl und Gas führt dazu, dass Energie inzwischen knapp und teuer geworden ist. In der Metall- und Kunststoffindustrie meldet sich fast täglich ein Mittelständler ab, weil er diese Gas- und Strompreise nicht mehr bezahlen kann.

Also sollten wir nicht auf erneuerbare Energien umsteigen?

Ich war vierzehn Jahre lang in führenden Positionen bei großen deutschen Energieunternehmen tätig. Bei Shell habe ich die Wind- und Solarenergie aufgebaut, und das von mir gegründete Unternehmen REpower Systems wurde zum zweitgrößten Hersteller von Windkraftanlagen in Deutschland. Die erste Offshore-Windturbine von RWE Innogy, wo ich vier Jahre Vorstandsvorsitzender war, trägt meinen Namen: „Fritz“. Ich weiß also, wovon ich rede, und habe viel getan, um die erneuerbaren Energien dorthin zu bekommen, wo sie heute sind. Darum sind sie für mich auch ein ganz wichtiger Pfeiler des künftigen Energiesystems. Aber: Es ist Wahnsinn, sich zu 100 Prozent auf wetterabhängige Quellen verlassen zu wollen. Denn je mehr man sich diesen 100 Prozent nähert, desto größer muss auch das immer teurer werdende Back-up aus konventionellen Kraftwerken sein. Man muss ja immer damit rechnen, dass es düster ist und kein Wind weht. In Deutschland brauchen wir bis zu 80 Gigawatt elektrische Energie, teilweise liefern Sonne und Wind aber nur zehn Gigawatt oder noch weniger. Und eine Verdreifachung der Kapazität hilft bei Dunkelflaute auch nicht. Denn dreimal null bleibt null. Für mich war es darum ziemlich deprimierend, dass der neue Wirtschaftsminister in seiner ersten Pressekonferenz nicht darüber gesprochen hat, wie Deutschland jetzt ganz schnell 40 bis 60 neue Gaskraftwerke bauen könnte.

Flauten sollen in Zukunft von Speichern überbrückt werden. Ist das keine Lösung?

Ein privater Kurzzeitspeicher ist sinnvoll, wenn man eine Solaranlage auf dem Dach hat. Aber hier geht es ja um etwas völlig anderes: Wir brauchen große Langzeitspeicher, um beispielsweise die Spitzenproduktion von Solarstrom aus dem Sommer für den Winter zu speichern. Die neue Bundesregierung will die installierte Photovoltaik-Leistung bis 2030 auf 200 Gigawatt fast vervierfachen. Im Sommer werden wir dann im Extremfall das Dreifache des Strombedarfs produzieren. Diesen Überschuss müssten wir für den Winter speichern, wenn die Sonne kaum scheint. Aber wie soll das geschehen? Für neue Pumpspeicherkraftwerke gibt es in Deutschland keine Standorte, und große Batteriespeicher sind völlig unwirtschaftlich. Bleibt nur Wasserstoff als einzige Möglichkeit – aber auch diese Option ist sehr teuer, weil durch Elektrolyse, Speicherung, Verteilung und Rückverstromung drei Viertel der Energie verloren geht. Das gilt vor allem für flexible Gasturbinen, wie man sie als Back-up braucht: Hier muss man vier Kilowatt Windstrom erzeugen, um am Ende wieder ein Kilowatt herauszubekommen. Das kostet dann bei Erzeugungskosten von 6 Cent etwa 24 Cent pro Kilowattstunde. Damit kann man keinen Industriestandort betreiben.

Damit sagen Sie ja: Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen. Warum sollten die Befürworter der Energiewende das tun?

Das ist eine hoch spannende Frage! Vor allem in Deutschland wollen wir die Welt retten – koste es, was es wolle, und auch wenn uns niemand dabei folgt. Denn für viele andere Länder ist der Ausstieg aus fossilen Energiequellen kein großes Problem, weil sie viel Kernenergie oder Wasserkraft nutzen.

Wie sähe Ihr eigener idealer Energiemix aus?

Hier dürfen wir nicht nur den Bedarf an Strom betrachten. Stattdessen müssen wir über den Gesamtenergieverbrauch sprechen – also auch über diejenige Energie, die beispielsweise in die Mobilität oder die Wärmeproduktion fließt. Die Stabilität der Industriegesellschaften beruhte in der Vergangenheit darauf, dass wir für unsere Energieversorgung drei unterschiedliche Energiequellen genutzt haben: Strom für Licht und Kraft, Gas für die Wärme und Öl für die Mobilität. In Zukunft wollen wir alles aus einem Energieträger, dem erneuerbaren Strom aus Wind und Sonne, bestreiten, der derzeit aber weniger als zehn Prozent des Gesamtenergieverbrauchs abdeckt, nämlich circa 180 von rund 2.300 TWh. Darum werden wir irgendwann vor der Wahl stehen: fahren oder kochen? Licht oder Wärme? Mein bevorzugter Energiemix würde hingegen auf drei Säulen beruhen: ein Drittel erneuerbare Energien, ein Drittel Kohle und Gas mit CO2-Abscheidung (CCS) und ein Drittel Kernkraft. Das ist das Modell der Zukunft und wird sich auch europaweit durchsetzen. Deutschland wird dabei nicht mitmachen, und darum werden wir erst durch ein tiefes Tal von erratischen Preiserhöhungen gehen. Das hat natürlich Folgen für Arbeitsplätze und die Ertragskraft der gesamten Volkswirtschaft.

Wie beurteilen Sie die Politik der neuen Bundesregierung?

Die Richtung hat der neue Wirtschaftsminister Habeck ja in seiner ersten Pressekonferenz vorgegeben: Es geht nicht mehr um Wachstum oder Beschäftigung. Es geht jetzt nur noch darum, die CO2-Ziele zu erfüllen. Diese Verengung auf nur noch ein einziges Ziel kommt daher, dass man vom Extremszenario ausgeht. Und es stimmt ja: 4 Grad Erwärmung würde unser Planet nicht verkraften, das wäre wirklich eine Katastrophe. Aber dafür spricht eben nur sehr wenig. Die hierfür zugrunde gelegten Szenarien des IPCC würden ein vollständiges Verbrennen aller heute bekannten Kohle-, Öl- und Gasvorkommen bis 2080 voraussetzen. Das ist völlig irreal. Ich halte es daher für sehr unklug, aus Angst vor dem Untergang ökonomischen Selbstmord zu begehen – und das auch noch als einziges Land weltweit.



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