20.05.22 „Die Unsicherheit nimmt zu“ Interview mit Dr. Jörg Rothermel • Lesedauer: 3 min.

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Zusammenfassung

Dr. Jörg Rothermel ist Geschäftsführer der Plattform EID – die Energieintensiven Industrien in Deutschland, Berlin. Er warnt vor einem Abzug der Unternehmen.

Herr Rothermel, was bedeutet „energieintensiv“ überhaupt?

Es gibt verschiedene Definitionen. In der EEG-Ausgleichsregelung steht, dass die Stromkosten mindestens 14 Prozent der Bruttowertschöpfung betragen müssen. Aber jedes Gesetzeswerk definiert hier eigene Schwellenwerte. Unsere Plattform umfasst die Branchen Baustoffe, Chemie, Glas, Nichteisen-Metalle, Papier und Stahl. 

Dr. Jörg Rothermel, Geschäftsführer der Plattform EID – die Energieintensiven Industrien in Deutschland

Der Kapitalstock der Energieintensiven geht seit Jahrzehnten zurück. Befinden sich diese Sektoren nicht ohnehin schon im Niedergang?

Nein. Es wird ja weiter investiert, aber vor allem um die Effizienz zu erhöhen. Zwischen 1990 und 2012 haben die energieintensiven Industrien ihre Treibhausgasemissionen um 31 Prozent verringert, gleichzeitig stieg ihre Produktion um 42 Prozent. So gesehen haben sie schon viel zum Klimaschutz beigetragen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Grundstoffindustrie viele Werkstoffe produziert, die den ökologischen Umbau erst möglich machen – etwa für Autos, Gasturbinen, Windkraft- und Photovoltaikanlagen oder Gebäude. Punktuell haben sich die Investitionen in den letzten Jahren natürlich auch verlagert: Chemie und Stahl etwa bauen eben dort Kapazitäten auf, wo Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen zu beziehen ist.  

Ökonomen halten die deutschen Stromkosten durchaus für wettbewerbsfähig, wenn man die Vergünstigungen für die energieintensiven Branchen berücksichtigt …

Die Strompreise in anderen Ländern sind deutlich niedriger, das ist Fakt. Mit durchschnittlich 10 Cent je Kilowattstunde zahlt die deutsche Industrie den zweithöchsten Strompreis in Europa. In Frankreich etwa kostet Industriestrom nur rund 6 Cent, und energieintensive Unternehmen zahlen dort mitunter noch weniger. Außerhalb Europas wird es noch günstiger. In China etwa liegen die Strompreise weit unter dem deutschen Börsenpreis – also bevor über 50 Prozent Steuern, Umlagen und Abgaben aufgeschlagen wurden.  

Grundsätzlich stimmt es, dass die deutschen Stromkosten – wenn man die Sonderregeln für energieintensive Industrien berücksichtigt – wettbewerbsfähig sein können. Aber dafür muss der jeweilige Betrieb auch wirklich in den Genuss von Entlastungen kommen! Und das ist keineswegs sicher. Im Verband der Chemischen Industrie zum Beispiel habe ich erlebt, dass das das nur bei 100 von 1.900 Mitgliedern der Fall war.  

Ist das Geschäft der Energieintensiven durch die Klimapolitik akut bedroht?

Noch nicht, aber die Unsicherheit nimmt zu. Im Koalitionsvertrag steht, dass das Umlage- und Abgabesystem überarbeitet werden soll. Der Spitzenausgleich bei der Stromsteuer läuft dieses Jahr aus, und im Emissionshandel sinkt die Zahl der Begünstigten, die Kompensationen erhalten, auch von Novelle zu Novelle. Die Politik muss sich bald entscheiden, ob sie die Energieintensiven bei der Dekarbonisierung unterstützen oder sie plattmachen will. 

Wird die Dekarbonisierung nicht automatisch vom CO2-Emissionshandel vorangetrieben?

Nein, er kann sie nicht vollständig steuern. Neue Technologien, die ohne fossile Energieträger auskommen, sind einfach noch nicht wettbewerbsfähig genug. Ein strombetriebener Steamcracker für die chemische Industrie etwa ist so teuer, dass sich die Anschaffung für ein Unternehmen, das im internationalen Wettbewerb steht, nicht rechnet. Hinzu kommt, dass die laufenden Kosten bei den neuen grünen Technologien oft viel höher sind. Wird die Produktion von Ammoniak zum Beispiel mit grünem Wasserstoff betrieben, steigen die Betriebskosten auf das Fünffache. Hier bräuchte es eine Unterstützung – oder einen speziellen Strompreis für Energieintensive. Deutschlands Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden, ist sonst nicht zu erreichen. 

Lassen sich überhaupt alle energieintensiven Industrien dekarbonisieren?

Die Chemie- und die Stahlbranche haben schon entsprechende Roadmaps vorgelegt. Bei Glas und Papier sind die CO2-Emissionen nur durch Energieverbrauch bedingt und lassen sich ebenfalls vermeiden. Die Zementindustrie wird wohl zunächst mit Carbon Capture and Storage arbeiten müssen, also CO2 in der Produktion abscheiden und einlagern.  

Wäre es nicht sinnvoll, besonders energieintensive Prozesse ins Ausland zu verlagern?

Gerade die deutsche Chemie lebt davon, dass sie als Verbundstandort hocheffizient ist und alles vom Rohstoff bis zum Medikament vor Ort produziert. Wird diese Kette auseinandergerissen, stürzt die ganze Chemie ab. Das gilt für die gesamte Industrie. Die EID beschäftigen rund 835.000 Mitarbeiter, und jeder Arbeitsplatz hier sichert wiederum zwei Jobs in anderen Industriezweigen und im Dienstleistungssektor. Das bedeutet: Es geht um rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland. Außerdem wären die Folgen einer Verlagerung ins Ausland auch klimapolitisch negativ. Die deutsche Industrie gehört weltweit zu den CO2-effizientesten. In China etwa ist der CO2-Ausstoß bei der Grundstoffproduktion mitunter doppelt so hoch wie in Deutschland. 

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