20.06.22 „Vorhandenes Volumen kann nur umverteilt werden“ Interview mit Alex Froley • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

Alex Froley ist Experte für den LNG-Markt beim Preisinformationsdienst ICIS in London. Ein deutscher Importstopp für russisches Gas hätte seiner Meinung nach gewaltige Auswirkungen auf die LNG-Preise.

Die EU-Kommission plant, Europa bis 2030 von russischem Pipelinegas unabhängig zu machen. Ist das realistisch? 

Bis 2030 bleibt theoretisch noch genug Zeit, um die dafür nötigen neuen Projekte zu starten. Grundsätzlich dauert es drei bis vier Jahre, um eine neue LNG-Produktionsanlage oder ein größeres Import-Terminal zu bauen. Bei kleineren Projekten kann es auch etwas schneller gehen. Doch damit die Arbeit beginnen kann, müssten die Abnehmer sofort langfristige Verträge unterzeichnen – mit Laufzeiten zwischen 10 und 20 Jahren. Das sehe ich bislang noch nicht. Außerdem laufen die bestehenden Verträge mit weltweiten Konzernen wie BP oder Shell – und diese Firmen garantieren nicht, dass das LNG auch nach Europa gebracht wird.  

Wie entwickelt sich das LNG-Angebot auf dem Weltmarkt generell? 

Im ersten Quartal wurden 99,3 Millionen Tonnen exportiert, das sind 4 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Plus ging vor allem auf das Konto der USA, die ihre Verflüssigungskapazitäten vergrößert haben. Viele andere Länder, darunter Katar, Algerien oder Nigeria, haben sogar weniger exportiert. 

Woran liegt das? 

Katar nennt als Grund Wartungsarbeiten an einer Anlage, in Algerien und Nigeria gab es nicht genügend Gas zum Verflüssigen. Generell wurde in den letzten zwei Jahren sehr wenig in LNG-Produktionskapazitäten investiert. Das ist unter anderem eine Folge der Pandemie: Während Corona sank der Gaspreis auf 2 US-Dollar pro Million BTU (British thermal unit, eine Energieeinheit) – aber erst ab 10 US-Dollar werfen Investitionen in LNG-Anlagen eine Rendite ab. 

Aktuell kann Europa seinen Bedarf an LNG nur decken, weil von asiatischen Abnehmern bestellte Mengen zu uns umgeleitet werden. Wie lange geht das noch gut? 

Im laufenden Jahr lässt sich die Produktionsmenge nicht mehr steigern. Das bedeutet: Vorhandenes Volumen kann nur umverteilt werden. Europa hat im ersten Quartal stolze 69 Prozent mehr LNG als im Vorjahr importiert, das entspricht 13 Millionen Tonnen. Der Zuwachs ging auf Kosten der Lieferungen nach Ostasien, die um 5 Millionen Tonnen zurückgingen. Außerdem hat Europa einen Großteil der neuen Produktionskapazitäten geschluckt, die im letzten Jahr aufgebaut worden sind. Kurzfristig werden die europäischen Kunden mehr bieten müssen, um gegen Asien zu bestehen. Sollte es im kommenden Winter zu einem Wettbewerb um die LNG-Mengen kommen, werden die preissensibelsten Kunden als Erstes aussteigen. Das könnten zum Beispiel große Industriekunden in Deutschland und Japan sein, weil man den Privathaushalten bei der Versorgung Priorität einräumt.

Auch in Asien steigt die Nachfrage nach LNG. Wird dadurch die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage nicht immer größer? 

Alle Marktteilnehmer leiten Schritte ein, um sich auf den kommenden Winter vorzubereiten. Doch das Ziel Europas, russische Gasimporte zurückzufahren, ist ein völlig neuer Faktor. Die Preise auf den Spotmärkten sind durch die anhaltende Unsicherheit sprunghaft angestiegen. Anfang März hatten sie sowohl in Asien als auch in Europa einen Wert von 70 US-Dollar pro Million BTU erreicht – das entspricht einem Ölpreis von 406 US-Dollar pro Barrel! Seitdem haben sich die Preise wieder leicht normalisiert. Allerdings bewegten sich die Gaspreise schon vor der Ukraine-Invasion auf einem hohen Niveau. Im Januar zum Beispiel war die LNG-Nachfrage aus Europa schon einmal so sprunghaft angestiegen, dass einige Schiffe während der Fahrt kehrtmachten und ihre für Asien vorgesehenen Ladungen nach Europa brachten. Eine große Unbekannte ist auch das Wetter: Im letzten Winter traten keine schweren Kältewellen auf – aber das kann immer passieren. Im März 2018 zum Beispiel sorgte das „Beast from the East“ wochenlang für überdurchschnittlich tiefe Temperaturen. Das ließ die Gasnachfrage hochschnellen. 

Angenommen, Deutschland stellt die Gasimporte aus Russland tatsächlich ein: Welche Folgen hätte das für die LNG-Preise? Gibt es einen Präzedenzfall? 

Wenn es dazu käme, wären die Auswirkungen sowohl auf die Märkte als auch auf die Preise gewaltig. Die Folgen wären am ehesten vergleichbar mit denen der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011. Damals fuhr Japan alle Kernkraftwerke runter und importierte auf einen Schlag deutlich mehr LNG. Mengen aus anderen Regionen mussten umgeleitet werden, japanische Abnehmer zahlten 40 Prozent mehr. Die deutschen Industriekunden sind auf jeden Fall gut beraten, sich für stark schwankende Preise in der Zukunft zu wappnen. 

Aber was passiert mit all den Investitionen in neue Terminals, wenn der Ukraine-Krieg plötzlich beendet wird, etwa durch ein Friedensabkommen? 

Deutschland hat schon vor dem Ausbrechen des Konflikts über neue LNG-Importprojekte gesprochen, wenngleich sie nur langsam vorangetrieben wurden. Wahrscheinlich wird man einige Projekte auch dann weiterverfolgen, wenn sich die Lage in der Ukraine verbessert. Deutschland strebt nach mehr Diversität und Versorgungssicherheit in den Energiequellen, und auch die EU hat sich der Erschließung neuer Energiequellen verschrieben. 



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