30.11.22 „Wir dürfen unsere Wälder nicht in Holzpellet-Öfen verfeuern“ Interview mit Sebastian Scholz, Fachbereichsleiter Klima- und Umweltpolitik beim NABU • Credits: 5 • Lesedauer: 5 min.

Scroll to Read
Zusammenfassung

Sebastian Scholz, Fachbereichsleiter Klima- und Umweltpolitik beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), über das Programm „Fitfür55“ der Europäischen Union. 

Mit dem Programm „Fit für 55“ möchte die EU ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 1990 verringern. Reicht der Wert aus, um ein starkes Signal gegen die Klimakrise zu setzen?

Als das Ziel formuliert wurde, war es halbwegs ambitioniert. Inzwischen müssten wir angesichts der doch nur recht langsam wirkenden Maßnahmen noch viel mehr Tempo machen. Die Kurve unter dem Integral müsste sozusagen maximal steil sein, um bis 2030 möglichst viel in Summe zu erreichen. Ich möchte aber auch sagen, dass ich froh bin, dass wir angesichts von Krieg und Energiekrise an dem Ziel „Fit für 55“ festhalten.  

Fachbereichsleiter Klima- und Umweltpolitik beim NABU

Lassen Sie uns über die Effektivität der einzelnen Vorhaben sprechen. Was halten Sie von der Verschärfung des EU-Emissionshandelssystems?

Das Prinzip Emissionshandel ist gut, weil damit dort Emissionen gespart werden, wo sie am günstigsten eingespart werden können. In der Praxis waren aber in den vergangenen Jahren immer zu viele Zertifikate im Markt, sodass das Preissignal, was davon ausgehen sollte, nicht erreicht wurde. Nötig wäre ein stärkerer Degressionsfaktor, also eine deutliche Verknappung von Emissionszertifikaten. Nur so ist das Reduktionsziel erreichbar.  

Mit der Ausweitung des Emissionshandels auf Verkehr und Gebäude kommt ein zusätzlicher Anreiz. Reicht der aus?

Grundsätzlich ist das richtig. Aber: Die Senkungen müssen über alle Sektoren gleichermaßen erfolgen. Die Einführung des ETS-2 darf daher nicht dazu führen, dass zu einem späteren Zeitpunkt die verschiedenen ETS zusammengeführt werden. Das befürchte ich aber. Wenn die Sektoren in einem gemeinsamen Emissionshandel zusammengeführt werden, birgt das die Gefahr, dass nur in einem Sektor, etwa Industrie, die Emissionen stark gesenkt werden und im Gegenzug in einem anderen, etwa Verkehr oder Gebäude, aber nicht. Das muss verhindert werden. Das Problem ist, dass die Preiselastizität ist bei zum Beispiel Benzin recht hoch ist; die Verbraucher sind also Preissprünge gewohnt. Zudem machen Steuern und Abgaben einen so hohen Teil des Preises aus, dass sich Emissionsabgaben nur relativ gering niederschlagen. Hier müsste also wahrscheinlich der Anteil der Emissionsabgaben im Verhältnis höher sein als in anderen Sektoren, um eine echte Reduktion zu erreichen.  

Zugleich sinken auch die CO2-Grenzwerte für Fahrzeuge. Bringt die Umstellung auf E-Mobilität ausreichend Reduktion?

Der Umstieg auf elektrische Mobilität im motorisierten Individualverkehr ist nur ein Aspekt von vielen. Dazu müssen kommen: Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs, von Fuß- und Radwegen in Ballungsräumen. In Deutschland haben wir mit dem Dienstwagenprivileg außerdem eine Incentivierung von großen und starken Pkws, die auf diese Weise subventioniert werden. Dieses Privileg abzuschaffen, wäre aus Klimaschutzgründen sinnvoll. Mein Eindruck ist leider, dass es derzeit nicht die nötige politische Kraft gibt, diese Subvention der deutschen Automobilindustrie abzuschaffen.  

Besonders hoch sind die Einsparpotenziale im Gebäudesektor … 

Richtig, da müssen wir ran. Deshalb lautet, gemeinsam mit vielen anderen Umweltorganisationen, unsere konkrete Forderung: „Worst First“. Das bedeutet, dass die 20 Prozent der energetisch schlechtesten Gebäude zuallererst saniert werden müssen. Denn sie sind der größte Hebel für den Klimaschutz. Dazu bedarf es der richtigen Förderinstrumente, damit die Menschen, denen die Gebäude gehören, auch befähigt werden, diese Maßnahmen durchzuführen.  

Kommen wir zu einem ureigenen Thema des NABU, dem Natur- und Landschaftsschutz. Was halten Sie von der Moor- und Waldstrategie der EU?

Sie führt in die richtige Richtung, aber unsere Landnutzung insgesamt muss sich reformieren. Es ist höchst problematisch, wenn in Moorgebieten Landwirtschaft betrieben wird und auf diese Weise sukzessive enorme dort eingelagerte Treibhausgase in Form von Torf degradieren und als CO2 freigesetzt werden. Wir müssen stattdessen auf Humusaufbau setzen, auf mehr Biomasse in den Wäldern, also auf mehr Totholz. Ein anderer Punkt ist, dass Biomasse nur in engen Grenzen genutzt werden sollte, damit sie klimafreundlich ist. Im Klartext: Wir dürfen unsere Wälder nicht in Holzpellet-Öfen verfeuern. Wir hatten aufgrund der Dürrejahre viel Totholz und daher ein großes Holzangebot. Jetzt steigt die Holznachfrage massiv. Voraussichtlich werden wir in wenigen Jahren Holz importieren müssen. Dann werden andernorts Wälder abgeholzt, um unsere Öfen zu beheizen. Das wäre fatal.  

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien stockt, nicht zuletzt weil der Naturschutz oftmals den Ausbau von Windkraft verhindert. Was tun?

Klar ist: Wir brauchen schnell mehr erneuerbare Energien. Das heißt hierzulande: Wind und Sonne. Als Naturschutzorganisation können wir den Ausbau von Photovoltaik problemlos fordern. Also gerne Solardachpflicht überall dort, wo es geht. Alle Parkplätze, versiegelte Flächen oder Industrieanlagen können mit PV-Anlagen überdacht werden. Auch Windkraft lässt sich naturschutzrechtlich umsetzen. Wir begrüßen eindeutig, dass durch das Wind an Land-Gesetz die Länder jetzt aufgefordert sind, Flächen für Windenergie auszuweisen. Das muss allerdings einhergehen mit guter Planung.  

Ist dies aktuell nicht der Fall? 

Im Gegenteil, wir haben auf Länderebene einen Flickenteppich der verschiedenen Planungsregime. Dabei ist eindeutig, dass eine gute Planung auf regionaler Ebene zu deutlich weniger Konfliktfällen mit dem Naturschutz führt. So lange gute regionale Planung in Deutschland nicht vorausgesetzt werden kann, ist der Vorstoß der EU-Kommission, so genannte Go-To-Areas für Windenergie auszuweisen, kritisch zu betrachten. Denn dadurch können ausgewiesene Vorrangzonen für den Windenergieausbau ohne weitere Artenschutzprüfung in die Nutzung kommen. Das Go-To-Konzept kann den Ausbau der Windenergie entscheidend beschleunigen, das muss aber an gute Planung auf regionaler Ebene geknüpft sein. Wichtig für den Naturschutz wäre es, wenn zeitgleich auch Go-To-Areas für die Renaturierung bestimmt würden.

Haftungsausschluss

Die Inhalte dieser Website werden mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Uniper SE übernimmt jedoch keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Inhalte. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung von Uniper SE wieder.