12.11.21 Wärmepumpen sind nicht die einzige Lösung“ Interview mit Oliver Koukal • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Gebäude sollen klimaneutral werden. Aber Wärmepumpen eignen sich meistens nicht für Bestandsimmobilien, sagt Oliver Koukal, Senior Vice President und Leiter des Produktbereichs Residential Heating bei Bosch Thermotechnik. Er plädiert in diesem Fall für Gasbrenner, die für Wasserstoff-Betrieb vorbereitet sind.

Wärmepumpen gelten allgemein als Mittel der Wahl, um die Energiewende im Gebäudebereich zu schaffen. Warum sehen Sie das differenzierter?

Oliver Koukal, Senior Vice President und Leiter des Produktbereichs Residential Heating bei Bosch Thermotechnik

Wärmepumpen sind sicher eine wichtige Technologie – aber nicht die einzige. Vielmehr brauchen wir im Gebäudebereich einen Multitechnologie-Ansatz. Im Neubau haben Wärmepumpen heute bereits einen Anteil von über 50 Prozent, und er wird weiter steigen. Das liegt daran, dass der Effizienzstandard von neuen Gebäuden ideal für Wärmepumpen ist. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass rund 70 Prozent aller Gebäude in Deutschland vor 1980 gebaut worden sind. Sie sind in der Regel wenig effizient.

Ergeben Wärmepumpen dort überhaupt keinen Sinn?

Um Wärmepumpen auch im Gebäudebestand effizient einsetzen zu können, wären hohe Investitionen erforderlich, zum Beispiel in die Dämmung der Außenwände, in die Fenster oder in den Einbau einer Fußbodenheizung. Das können sich zwar einige Hausbesitzer leisten, sozialverträglich ist diese Option aber nicht. Und noch etwas dürfen wir nicht vergessen: Heizungen laufen meistens im Winter, oft am frühen Abend oder morgens. Zu diesem Zeitpunkt scheint die Sonne nicht, und Wind ist auch nicht zuverlässig verfügbar. Gleichzeitig sind dann aber viele elektrische Verbraucher in Betrieb. Hinzu kommen möglicherweise Elektrofahrzeuge, deren Batterien geladen werden. Aufgrund des erhöhten Strombedarfs kann es in Zukunft zu definierten Abschaltzeiten kommen, die über lokale Speicher überbrückt werden müssen.

Welche Alternative zu Wärmepumpe schlagen Sie für Gebäude im Bestand vor?

Oliver Koukal, Senior Vice President und Leiter des Produktbereichs Residential Heating bei Bosch Thermotechnik

Unbestritten ist: Die Heizsysteme der Zukunft müssen klimaneutral sein. Die Industrie muss darum verschiedene Lösungen anbieten, die zu den jeweiligen Gebäuden passen. Für den Bestand eignen sich sehr gut „H2-ready“-Geräte, die bereits für den Einsatz von grünem Wasserstoff vorbereitet sind. Sobald dieser verfügbar ist, kann man innerhalb einer Stunde von fossilem Brennstoff auf regenerativ erzeugten Wasserstoff umstellen. Es besteht auch die Möglichkeit, eine Wärmepumpe und einen für Wasserstoff vorbereiteten Gasbrenner in einem Hybrid-Gerät zu vereinen. Bei Spitzenlasten würde man den Gasbrenner nutzen, sonst die Wärmepumpe. Diese Lösung ist selbst in unsanierten Gebäuden effizient.

Kann man Gasbrenner für Wasserstoff heute schon kaufen?

Heute verfügbare Gas-Produkte lassen sich bereits mit einem Wasserstoff-Anteil von 20 Prozent betreiben. In Pilotprojekten werden derzeit Gasbrenner untersucht, die komplett mit Wasserstoff laufen. Wir wollen solche Geräte im Jahr 2025 auf den Markt bringen. Man kann sie zu Beginn ganz klassisch mit Erdgas versorgen und auf regenerativen Wasserstoff umstellen, sobald dieser im Gasnetz verfügbar ist. Das wäre eine klimaneutrale Alternative zur Wärmepumpe, die sich sehr gut für Bestandsgebäude eignet. Im Vergleich zum Gaskessel sind die „H2-ready“-Geräte in der Anschaffung preisneutral.

Wie teuer wird der regenerativ erzeugte Wasserstoff im Vergleich zu Erdgas sein?

Entscheidend ist hier das Verhältnis zum Strompreis – also die Frage, wie viel eine Kilowattstunde regenerativ erzeugter Wasserstoff im Vergleich zu erneuerbarem Strom kostet. Sicher ist, dass Wasserstoff am Anfang teurer sein wird. Diese Zeit müssen wir überbrücken, auch mithilfe der Regierung und der Regulierungsbehörden. Die Netzbetreiber und die Wasserstoff-Produzenten brauchen Investitionssicherheit, beispielsweise für den Bau großer Elektrolyseure. Darum machen wir uns unter anderem stark für die Beimischung von Wasserstoff zu Erdgas. Denn das garantiert den Produzenten gewisse Abnahmemengen, sodass sie die Herstellung von Wasserstoff hochfahren können. So können wir es schaffen, bis 2030 oder 2035 genügend regenerativ erzeugten Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Kosten zur Verfügung zu stellen.

Sie verweisen im Zusammenhang mit Wasserstoff gerne auf Großbritannien. Was läuft dort anders als in Deutschland?

Oliver Koukal, Senior Vice President und Leiter des Produktbereichs Residential Heating bei Bosch Thermotechnik

Die Regierung in Großbritannien verlangt, dass ab 2025 oder 2026 nur noch Geräte eingebaut werden dürfen, die für den Betrieb mit Wasserstoff vorbereitet sind. Man hat dort eben erkannt, dass Wärmepumpen nicht die einzige Lösung sein können – insbesondere für den Gebäudebestand. Einen solchen Ansatz wünschen wir uns auch für Deutschland.

Oliver Koukal, Senior Vice President und Leiter des Produktbereichs Residential Heating bei Bosch Thermotechnik

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