16.02.22 Mit weniger staatlichem Geld mehr Ausbau schaffen“ Interview mit Dr. Frank Possmeier • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

Neuen Schwung bei den erneuerbaren Energien und mehr Verantwortung für den Markt: Das wünscht sich Dr. Frank Possmeier, Executive Vice President Renewables bei Uniper. Der EU-Vorschlag zur Taxonomie nachhaltiger Investitionen bildet aus seiner Sicht die Realitäten in Europa ab.

Dr. Frank Possmeier, Executive Vice President Renewables bei Uniper

Herr Possmeier, die neue Bundesregierung hat ambitionierte Pläne für den Klimaschutz. Wie beurteilen Sie die Vorhaben der Koalition? Was sticht besonders heraus?

Es stimmt: Die Klimaschutzpläne der neuen Bundesregierung sind sehr ambitioniert. Man muss fairerweise aber auch sagen, dass die Vorgängerregierung ebenfalls ehrgeizige Ziele verfolgt hat – auch wenn die Umsetzung teilweise zu wünschen übrig ließ. Nun sind die Erwartungen natürlich hoch, dass die neue Bundesregierung mehr tut. Den Worten müssen jetzt Taten folgen. Und ich bin tatsächlich sehr optimistisch, denn Bundeskanzler Scholz hat ein sehr kompetentes und gut ausbalanciertes Team an Ministerinnen und Ministern zusammengestellt. Besonders wichtig sind für mich und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter natürlich alle Themen rund um die erneuerbaren Energien. Das sind die Themen, die Wirtschaftsminister Habeck vertritt. Vor allem bei der Windenergie wird er viele Hebel umlegen und Blockaden lösen müssen, um eine neue Dynamik zu entfachen. In diesem Zusammenhang wird es – da sollten wir uns nichts vormachen – viele Konflikte mit dem Natur- und Artenschutz geben. Deshalb ist es so wichtig, dass die Grünen jetzt in der Bundesregierung sind. Denn wahrscheinlich können sie diesen Konflikt am ehesten auflösen und Kompromisse finden.

Wie reagiert Uniper auf die Pläne der Regierung?

Zunächst sind wir optimistisch. Die Grünen haben in den vergangenen Jahren als Oppositionspartei viele interessante und spannende Vorschläge gemacht, wie die Energiemärkte im Allgemeinen und die erneuerbaren Energien im Besonderen neuen Schwung aufnehmen könnten. Ich denke zum Beispiel an die Flexibilisierung der Nachfrage nach Strom über zeitvariable Tarife und intelligente Messgeräte. Interessant ist auch die Frage, ob man nicht den Ausbau der Stromleitungen reduzieren kann, indem man Strom vor Ort in Wasserstoff umwandelt und dann ins Erdgasnetz einspeist. Wir sind gespannt!

Sind die deutschen Klimaziele bis 2030 überhaupt noch zu erreichen? Was müsste man eventuell verbessern?

Die Ziele sind zu erreichen, wenn die Bürger mitmachen. Schauen Sie: Wer hat in der Vergangenheit die größten Beiträge zum Klimaschutz geleistet? Das waren die Industrie und der Stromsektor. Jetzt müssen auch die anderen Sektoren einen maßgeblichen Beitrag leisten, also Verkehr, Haushalte und Landwirtschaft. Wenn viele Menschen die Energiewende unterstützen, wird sie gelingen. Aber das heißt im Umkehrschluss auch, dass wir wegmüssen von der Mentalität, dass alles gefördert und staatlich finanziert werden muss. Die großen Schritte in der Energiewende muss der Markt regeln, das kann nicht alles vom Steuerzahler alimentiert werden. Zudem muss es ein Umdenken bei der „Not in my backyard“-Haltung geben. Sonst werden wir unsere ambitionierten Ziele bei den erneuerbaren Energien nicht erreichen.

Mehr Verantwortung für den Markt – was bedeutet das für Ihren Bereich, die erneuerbaren Energien?

Ich kann Ihnen hier ein simples Beispiel nennen: Wer heute eine Ausschreibung im Bereich der Photovoltaik gewinnt, erhält 20 Jahre lang eine garantierte Vergütung für seine Anlage. Bedingung ist aber, dass sie nur maximal 20 Megawatt groß sein darf. Das heißt im Umkehrschluss: Ab 20,01 Megawatt gibt es gar nichts. So wird auch klar, warum es in Deutschland keine echten PV-Großanlagen im Utility-Maßstab gibt. Auf diese Weise blockiert man aus meiner Sicht die Energiewende und unterstützt sie nicht. Um es klar zu sagen: Ich will nicht, dass auch die Großanlagen eine 20-jährige Dauerförderung erhalten. Ganz im Gegenteil. Wir müssen, wie gesagt, mit weniger staatlichem Geld mehr Ausbau schaffen. Das heißt, wir müssen den Förderzeitraum reduzieren und stärker auf eine Anschubfinanzierung setzen.

Aber ist diese 20-Megawatt-Grenze nicht dazu da, Fördermittel zu reduzieren?

In den Anfangsjahren des EEG war das sicherlich so. Aber jetzt ist das Mittel der Wahl die Ausschreibung. Wenn die Bundesnetzagentur 100 Megawatt ausschreibt, ist es doch egal, ob ich fünf Anlagen mit 20 Megawatt anbiete oder eine Anlage mit 100 Megawatt. Das günstigste Gebot sollte die Ausschreibung gewinnen. Hinter der heutigen Förderung steht noch die Vorstellung, dass Großanlagen keine Unterstützung benötigen. Dem stimme ich zu: Großanlagen brauchen keine 20-jährige Förderung. Aber sie brauchen trotzdem eine Anschubfinanzierung. Und mit Großanlagen meine ich eigentlich alle Freiflächenanlagen.

Auf EU-Ebene wird über die Bewertung von Kernenergie und Gas als „grün“ diskutiert. Wie stehen Sie zu dieser Diskussion?

Die Diskussion ist extrem vielschichtig, und man könnte sicherlich unzählige Abhandlungen dazu schreiben. Deshalb hier nur einige Punkte, die mir persönlich wichtig erscheinen. Zunächst muss man festhalten: Kernenergie und Gas werden nicht als „grün“, sondern als „übergangsweise grün“ definiert. Das ist schon ein Unterschied, und ich gehe davon aus, dass sich diese Abstufung auch an den Finanzmärkten in Form unterschiedlicher Produktkategorien widerspiegeln wird. Ein Übergang ist sicherlich notwendig, damit Europa seine Klimaziele erreichen kann. Deutschland möchte Kohle durch Gas ersetzen, um die Treibhausgasemissionen zu senken; Frankreich will Elektroautos und elektrische Wärmepumpen mit Strom aus Kernkraftwerken betreiben. Beides ist aus Klimasicht positiv, und darum verstehe ich den Vorschlag der EU-Kommission als pragmatisch. Denn er bildet die Realitäten in den Mitgliedstaaten ab. Aber kritisch ist, wie die EU-Kommission bei der Taxonomie – wie bei vielen anderen Themen auch – alles bis ins letzte Detail zu regeln versucht. Das bindet viele Ressourcen bei allen Beteiligten, die wir alle viel besser in Investitionen für die nachhaltige Zukunft Europas einsetzen könnten.



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